Die Welt ist zu schön, um darüber hinweg zu fliegen

Vom Saimaa See bis nahe dem Polarkreis

Am 15.7. brechen wir zur Fortsetzung unserer Umrundung des Saimaa Sees auf. In Ruokohalati am Ende des Sees schauen wir uns den hölzernen Glockenturm aus dem Jahr 1752 an. Die hölzernen Schindeln sind dick geteert, um Wetterschutz zu garantieren. Davor, wie schon gestern vor der Kirche in Anttola, sehr gepflegte Kriegsgräber aus dem Winterkrieg gegen die Sowjetunion im Jahr 1939/1940.

Glockenturm

Der Winterkrieg fing ähnlich an wie der Ukraine Krieg, nämlich mit Gebietsforderungen der Sowjetunion an Finnland unter dem Vorwand nur so die Sicherheit von Leningrad garantieren zu können. Nachdem die Finnen ablehnten, griffen die Russen an, wohl mit der Absicht der Besetzung des gesamten finnischen Staatsgebietes. Die Finnen konnten, obwohl erheblich unterlegen, durch geschickte Taktik den Angriff zunächst stoppen. Im Februar 1940 konnte die Rote Armee aber nach umfassender Verstärkung ihrer Truppen die finnischen Linien durchbrechen. Im Friedensvertrag vom 13.3.1940 wurde der Krieg beendet. Die Finnen konnten ihre Unabhängigkeit behalten, mussten aber große Teile Kareliens an die Sowjetunion abtreten.

Im Ort ist gerade Markt und viel los. Auf dem Markt kaufen wir karelische Piroggen und Zimtschnecken und picknicken dann am örtlichen Badeplatz. Der ist schön gestaltet, mit einer Umkleide, einer halb offenen Grillhütte und einem Steg. Während wir picknicken, kommt eine Dame angefahren, schwimmt kurz und geht dann wieder. Beneidenswert!

Blick vom Badeplatz in Ruokohalati
Punkaharju, der Höhenrücken trennt die Seen Puruvesi und Pihlajavesi

Unser Nachtplatz heute (15.7.) liegt kurz hinter Savonlinna: zwischen zwei Kiefern stehen wir traumhaft schön auf einer Granitplatte direkt am Wasser. Auch hier kommen immer wieder Leute zum Schwimmen. Mit einer jungen Frau unterhalten wir uns lange. Sie ist Deutsch-Finnin und spricht daher perfekt deutsch. Sie erzählt, dass sie im Sommer teilweise 5x täglich mit ihren Kindern zum Schwimmen hierherkommt. Im Winter könne man von hier mit PKWs aufs Eis fahren und es gäbe eine gepflegte Schlittschuhbahn zur nächsten Insel und zum dortigen temporären Café. Ihre Großmutter sei als Folge des Winterkrieges zweimal vertreiben worden und stamme von der heute russischen Seite Kareliens. Dort hätte die Sowjetunion viele Ukrainer angesiedelt, auch die kamen wohl nicht freiwillig. Heute würden viele Russen in der Gegend arbeiten, die Grenze ist nah in Savonlinna. Dazu passt, dass die Leute, die neben uns ihre Zelte aufstellen zwar finnische Kennzeichen am Auto haben, aber russisch sprechen. Ulrike schwimmt ausgiebig am Abend und am nächsten Morgen und wir trinken unser Abend Bier auf den Felsen sitzend.

Die zwei roten Punkte sind wir!

Am 16.7. besichtigen wir die Burg Olavinlinna in Savonlinna mit einer englisch sprachigen Führung. Auch sie hat eine wechselvolle Geschichte: von Schweden als Grenzbefestigung ca. 1490 erbaut, dann russisch, dann finnisch. Heute finden im Juli im Burghof Opernfestspiele statt, nicht im Freien, sondern in einem geschlossenen Zeltbau. Der Zugang zur Burg erfolgt wie früher über einen Steg, der mit der Strömung zur Seite geschwenkt werden kann, wenn ein Boot passieren will. Heute wird der Steg mittels Außenborder wieder in die Ausgangsposition gedreht.

Olavinlinna
Zelt im Burghof

Ab jetzt geht es immer gen Norden. Der erste Übernachtungsplatz den wir anfahren, gefällt uns nicht so, weil er an einem ziemlich verkrauteten See liegt. Aber er wäre kostenlos gewesen und sogar mit Stromanschluß. Wir fahren auf gut Glück weiter, überqueren mit der öffentlichen Fähre (umsonst) einen See und biegen dann zum Kolovesi Nationalpark ab. Nach wenigen Kilometern Piste gibt es einen sehr schönen Parkplatz im Wald mit Seeblick. Ein Trockenklo und eine Feuerhütte sind auch da, samt Holz und Hauklotz und Axt. Am Ufer kampiert eine polnische Paddlergruppe, die morgen zu einer einwöchigen Tour aufbrechen will. Außer uns ist noch eine junge Frau mit ihrem kleinen Sohn da. Mit ihrem VW Bus will sie, bevor er in die Schule muss, ein Jahr unterwegs sein, erst hoch nach Norden und dann mit dem kommenden Winter nach Süden. Wir machen einen wunderschönen Spaziergang zu einer Felsnase, die in den See ragt und sitzen dort lange in der Sonne und genießen die Aussicht.

Nahe des Übernachtungsplatzes im Kolovesi Nationalpark

Am nächsten Morgen (17.7.) ist der Himmel bedeckt. Trotzdem schwimmt Ulrike bis zu der Felsnase, auf der wir gestern unser Bier getrunken haben. Das Wasser ist doch auf Dauer kälter als gedacht und es braucht zwei Stunden, bis ihr wieder warm ist.

Unser heutiges Ziel ist das Kloster Uusi Valamo. Wir fahren auf kleinen Nebenstraßen durch den Wald. Dass hier Menschen leben, erkennt man nur an den Nummern und den Briefkästen an den Abzweigungen der Pisten. Da bekommt die Anweisung: „bring doch mal den Müll zur Mülltonne“ eine ganz andere zeitliche Dimension. Auch das Kloster liegt einsam im Wald, ist aber offensichtlich ein beliebtes Ausflugsziel. Der Parkplatz ist groß und es gibt sogar Einweiser, die einen freundlich in Valamo begrüßen. Mit dem Wohnmobil übernachten könnte man hier auch, es gibt einen netten Stellplatz am Hafen, wo der Klosterbesucher der per Boot kommt auch seinen Platz findet.

Eingang zum Kloster mit Parkplatz dahinter

Uusi Valamo bedeutet Neu Valamo. Das alte orthodoxe Mönchskloster Valamo (1392 gegründet) im Ladogasee mussten die Mönche 1940 verlassen, als die Russen in diesen Teil Kareliens vorrückten. Ihre Ikonen, wertvolles Kirchengerät und ihre auf das 15.Jahrhundert zurückgehende Bibliothek konnten sie retten. Die Mönche zogen in einen bestehenden Gutshof und bauten eine neue orthodoxe Kirche auf dem Areal. Der Ort ist, obwohl nicht wirklich alt, tatsächlich sehr stimmungsvoll, insbesondere die hölzerne Kirche aus der Anfangszeit in Neu Valamo. Man kann hier gut essen und an Weinproben teilnehmen, denn die Mönche bauen Wein an und unterhalten somit nicht nur das größte orthodoxe Glaubenszentrum in Finnland, sondern auch das größte finnische Weingut.

Moderne Kirche von 1976
Die stimmungsvollere, etwas ältere Kirche
Ins Gespräch vertieft
Eines der vielen Gebäude auf dem Areal
Und zum Abschluß Kaffee und Kuchen

An Joensuu vorbei geht es an den Pielinen See. Hier ist Finnlands berühmteste Aussicht zu bestaunen, nämlich die vom Berg Ukko Koli im Koli Nationalpark. Wir quartieren uns für zwei Nächte auf einem sehr netten Campingplatz ein, der direkt an einem langen, von Kiefern malerisch bewachsenen Sandstrand liegt. Wir stehen natürlich wieder direkt am Wasser mit schöner Aussicht. Hier in Finnland ist so viel Platz, da steigt das Anspruchsdenken und man tut es nicht mehr unter einem Platz in der ersten Reihe! Leider ist der Pielinen See sehr tief und daher kalt. Ulrike ist ganz schnell wieder draußen, die Messung mit unserem Badethermometer zeigt 16°. Am Strand stehen zwei Saunas mit Holz beheizten Öfen, die von den Finnen eifrig genutzt werden.

Frühstück auf Balus Terrasse, im Hintergrund die Sauna

Am 18.7. beginnen wir den Tag mit Wäschewaschen. Wir wären mal besser gleich losgegangen, denn bis unsere Wäsche durch den Trockner ist, hat sich das Wetter eingetrübt. Wir warten bis drei Uhr und fahren dann los. Wir wollen mit dem Sessellift auf den Gipfel fahren, der im Winter das Skigebiet an den Hängen des Ukko Koli erschließt. Eigentlich eine gute Idee, nur sollte man bei zweifelhaftem Wetter vor der Abfahrt seine Regenhosen anziehen, statt sie nur im Rucksack mitzuführen. Auf halber Höhe beginnt es nämlich zu schütten. Unsere Hosen und Rucksäcke sind klatschnass als wir oben ankommen und es regnet immer noch! Wir flüchten ins Café im Gipfelhotel und warten ab. Aber so lange kann man sich gar nicht an einem Kaffee festhalten, wie es noch regnet, also weiter in den Gift Shop. Dann können wir endlich los und die Aussicht entschädigt wirklich für die Nässe.

Blick vom Ukko Koli
Bei der Rückfahrt ist das Wetter besser als bei der Hinfahrt!
Der Strand am Campingplatz am Abend
Blick aus größerer Höhe über den Pielinen See

Am 19.7. ist das Wetter wieder prima. Wir fahren über Nurmes und Kuhmo bis zum See Änättijärvi, wo unser WoMo Führer einen schönen freien Übernachtungsplatz ca. 2 km von der Straße entfernt beschreibt. Der ist auch tatsächlich unglaublich schön. Ein feiner Sandstrand, eine wunderbare Grillhütte, in der man auch übernachten könnte, Holz zur freien Bedienung und alles kostenlos. Außer uns sind noch zwei deutsche Wohnmobile da, alle lesen den gleichen Führer. Wir sitzen am Strand und trinken Kaffee, Ulrike geht ausgiebig schwimmen, schön ist es hier!

Typische Zufahrt zu einem freien Übernachtungsplatz
Strand am Übernachtungsplatz Änättijärvi
Die Hütte neben dem Grillplatz
Hütte von innen

Unser erstes Ziel am 20.7. ist ganz nah: das Museum Raatteen Portti und die Museumsstraße, die von Raate an der russischen Grenze nach Suomussalmi führt. Museumsstraße, weil entlang dieser Straße (eigentlich nur eine Piste) die Rote Armee im November 1939 vorgerückt ist, mit dem Ziel, die Stadt Oulu am bottnischen Meerbusen zu erreichen und Finnland zu teilen.

Das Museum
Einer von vielen Panzern davor

In einer blutigen Schlacht vom November bis Februar entlang der Straße konnten die Finnen den Vormarsch stoppen. Die Rote Armee setzte die 163. Division ein, die aus Ukrainern bestand. Die waren aber bereits vom Anmarsch auf der russischen Seite zermürbt und mit der Kriegführung in Schnee und Eis und im dichten Wald nicht vertraut. Die Russen verloren 23.000 Mann, die Finnen ca. 800. Das Museum sieht aus wie zerschossen, daneben liegt eine Gedenkstätte (gestaltet von Erkki Pullinen), bestehend aus einem kreisförmigen Steinfeld, von denen jeder einen Gefallenen symbolisiert, egal ob Russe oder Finne. Im Turm in der Mitte hängen 105 kleine Glocken, die im Wind läuten. Jede von ihnen symbolisiert einen Tag des Winterkrieges. Sowohl das Museum, als auch das Denkmal sind sehr eindrucksvoll.

Gedenkstätte
Glockenturm

Irgendwie passt unser nächster Stopp zu der düsteren Geschichte: an der E 63 stehen nämlich über 1000 lebensgroße Figuren aus Holzgestellen mit Köpfen aus Grassoden, deren Kleidung im Wind flattert. Das ist das „Stille Volk“ des Künstlers Reijo Kela. Zweimal jährlich werden die Figuren von einer örtlichen Jugendgruppe zur Jahreszeit passend neu gekleidet.

Die Luftaufnahme zeigt wie viele "Silent People" hier stehen

Vor lauter Besichtigungen sind wir heute nicht so weit gekommen wie geplant. Spontan suchen wir einen kleinen Campingplatz an einem See auf. Hier gibt es sehr hübsche und liebevoll dekorierte Hütten zu mieten und natürlich eine Sauna und Grillhütte direkt am See. Ulrike spaziert noch den See entlang bis der Pfad endet und findet an einem kleinen Strand ganz viele Rentier Spuren.

Am Morgen des 21.7. geht es weiter Richtung Oulanka Nationalpark. Auf der E 63 sehen wir mehrmals kleine Herden von Rentieren, die gemütlich mitten auf der Straße entlangzockeln. Todesmutig, denn hier darf 100 gefahren werden!

Der Oulanka Nationalpark liegt nicht weit entfernt, was gut ist, da wir heute Ulrikes Geburtstag mit Champagner und Räucherlachsschnittchen feiern wollen. Das tun wir mit Blick auf den See auf einem kleinen Campingplatz nahe dem Startpunkt der Wanderung „Kleine Bärenrunde“, die wir morgen machen wollen. Wir verbringen einen geruhsamen Nachmittag, gehen schwimmen (Ulrike) und ein bisschen spazieren.

Geburtstagsfeier
Einer der riesigen Ameisenhäufen, von denen es hier noch viele gibt

In der Nacht regnet es heftig und auch am Morgen des 22.7. nieselt es noch. Wir gehen trotzdem los denn gegen Mittag soll es aufklaren. Zum ersten Mal kommen unsere Mückennetze zum Einsatz denn bei diesem Wetter sind die kleinen Biester angriffslustig. Die kleine Bärenrunde (Pieni Karhunkierros) ist ca. 13 km lang, die große Bärenrunde dagegen (Karhunkierros) 73 km und wird als 5 Tagestour begangen. Gestern war der Parkplatz proppenvoll, heute dagegen ist es angesichts des Wetters leer. Die Wanderung ist toll und sehr abwechslungsreich. Man sieht Schluchten und Stromschnellen, ruhige Seen, Moore und Wald, viel Wald. Auf- und Abstiege erfolgen über lange hölzerne Treppen und es gibt auch einige Hängebrücken. Wir haben ein Picknick dabei und machen eine Pause mit Blick auf die Stromschnellen in der Schlucht unter uns. Nach der Tour sind wir allerdings rechtschaffen müde!

Unzählige Stufen nach oben....
...dann ist es geschafft!

Mittlerweile befinden wir uns auf 66.25° Breite und sind damit nicht mehr weit vom Polarkreis entfernt. Die Sonne geht nach 23:00 unter und bereits um 3:12 wieder auf, dunkel wird es nicht mehr. Das führt dazu, dass wir immer zu spät ins Bett gehen und kein Gefühl mehr dafür hat, wann die Nacht zu Ende und es Zeit zum Aufstehen ist. Mal sehen, ob wir die Mitternachtssonne noch erleben, oder ob wir zu langsam nach Norden fahren. Am Inarisee geht die Sonne momentan noch nicht unter aber die Tage werden schnell „kürzer“.

7 Antworten

  1. Hallo Ihr Lieben, habe heute endlich mal Zeit gefunden, um Eure tollen Reisenotizen zu lesen. Die Bilder lassen mich an Eurer Reise teilhaben. Ich wuensche Euch noch eine gute Reise mit vielen schönen Erlebnissen.
    Liebe Grüsse aus dem Allgäu Ita

  2. Wieder tolle Bilder! Thanks for sharing your wonderful photos. Love your hats with the mesh/netting….hope it help keep the insects away. Be safe in your travels.
    Hugs, Horst and Deb

  3. Liebe Ulrike, lieber Peter, es ist ganz toll was ihr alles erlebt. Ich beneide euch. So viel habe ich bei meinen Besuchen in Finnland leider nicht gesehen. Wir hatten damals auch nicht so viel Zeit und kein Wohnmobil. Genießt also euren Langzeiturlaub und schreibt weiter so eindrucksvolle Berichte mit Fotos. Viele Grüße und gute Reise
    Gerd

  4. Hallo ihr beiden,

    das sind ja wirklich außerordentliche Bilder und Beschreibungen.
    Allerdings werde ich wohl nie verstehen, wie man da ohne Fliegenrute unterwegs sein kann.
    Da blutet einfach mein Anglerherz.

    Viel Spaß euch beiden!

    Liebe Grüße
    Harald

  5. Welch eine wundervolle Reise!
    Ich war 1981 mit Helmut auch dort oben, von Helsinki bis zum Inarisee. Schon seltsam, wenn die Sonne im Norden untergeht und gleich daneben wieder aufgeht.
    Ihr erlebt so wundervolle Momente. Ich reise in Gedanken einfach mit.
    Habt eine tolle Zeit!
    Ganz liebe Grüße aus der Heimat.
    Inge

  6. Hallo Ulrike und Peter,
    heute am 23.07. haben wir mit Jo und Esther Deine Waben ausgeschleudert. Und wie es der Teufel so will, bin ich danach auf Euren Bericht gestoßen. Da ich selbst in meiner aktiven Zeit Mehrmals in Finnland war, werden alte Erinnerungen wach. Begeistert bin ich über Eure schönen reichlichen Bilder.
    Euch eine gute Weiterfahrt und eine gesunde Heimkehr.
    Die Ausbeute von der Schleuderung Eurer Waben kann sich sehen lassen.
    Liebe Grüße aus der Heimat
    Heidi und Horst

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