Die Welt ist zu schön, um darüber hinweg zu fliegen

Vom Polarkreis ans Nordkap

Am 24.7. geht es weiter nach Norden. Der Polarkreis ist schnell erreicht. Allerdings sind wir so konzentriert auf die Anzeige unseres GPS, dass wir den riesigen Marker an der Straße erstmal übersehen und wenden müssen. Nun sind wir genau an dem Punkt (66°33‘55‘‘), an dem am Tag der Sommer und Wintersonnwende die Sonne gerade nicht mehr auf, bzw. untergeht.

Peter unter dem eigentlich nicht zu übersehenden Polarkreis Monument

In Kemijärvi, der nördlichsten Stadt (fast 8000 Einwohner) Finnlands übernachten wir und schlendern am Abend durch die Stadt. Zu sehen gibt es nichts, viele leerstehende Geschäfte, ein riesiges Gebäude der Polizei, das einzige Lokal ist eine bessere Imbissbude. Verwunderlich, denn die Stadt ist ein wichtiges Zentrum der holzverarbeitenden Industrie. Aber es gibt drei große Supermärkte und eine schöne neue Stadthalle mit Bibliothek und Strand direkt am See.

In Kemijärvi darf man nur zu Fuß oder mit dem Rad in die Bücherei, nicht mit dem Schneemobil!

Nach einem Großeinkauf fahren wir am 25.7. weiter nach Norden. Der Abstecher über das Skigebiet Pyhä und Lousta lohnt sich nicht. Die als “scenic road“ ausgeschilderte Straße ist in sehr schlechtem Zustand, obwohl sie der Zubringer zu den beiden Skiorten ist. Die sind auch im Sommer gut besucht, die Hauptsaison dürfte aber doch der Winter sein. Möglich sind Abfahrtsski, Langlauf und Fahrten auf einer der vielen Schneemobil Routen im Wald. Ansonsten gibt es hier Wald, Wald und nochmals Wald.

Der nächste Ort, Sodankylä, wirkt viel freundlicher als Kemijärvi. Hier gibt es eine schöne alte Kirche zu sehen, davor ein kleiner Park am Fluss, perfekt für unser Mittagspicknick. Die Kirche, ein alte lappländische Holzkirche, gehört zu den ältesten Holzkirchen Finnlands und stammt aus dem Jahr 1689. Tolle Bautechnik, sehr rustikal und sehr stimmungsvoll. Dazu passt die hölzerne Einfassung, die den Kirchhof umgibt und die viel Schnee aushalten kann. Genutzt wird die Kirche allerdings nur noch für Hochzeiten und Konzerte.

Kirche in Sodankylä, hinten links die hölzerne Kircheneinfriedung mit Dach
Innenraum, man beachte die schönen Verzapfungen

Kurz vor dem Inarisee haben wir einen Übernachtungsplatz abseits der E75 ausgesucht. Die meisten Plätze liegen nämlich direkt an der Straße und die ist sicherlich auch in der Nacht gut befahren. Der Platz entpuppt sich als zauberhaft gelegen, direkt am See unter Kiefern. Ulrike dreht noch zu Fuß eine Runde entlang des Sees und entdeckt weiter hinten noch zwei campierende finnische Wohnmobile. Dann steht das Haareschneiden für Peter an. Wir sind gerade halbfertig, da beginnt es zu regnen und hört auch die ganze Nacht nicht mehr auf. Also bleibt der Haarschnitt unvollendet und das bereits gesammelte Feuerholz leider unbenutzt.

Am 26.7. besichtigen wir in Inari das Samen Museum. Die Samen (früher Lappen genannt) sind die indigenen Ureinwohner im hohen Norden Schwedens, Norwegens, Finnlands und Nordkareliens (russische Seite). Das Museum ist sehr modern, eine Mischung aus Videopräsentationen, Ausstellungsstücken und riesigen hinterleuchteten Fotografien der umgebenden Landschaft im Sommer und Winter. Außerdem ein Außenbereich mit Gebäuden.

Ähnlich wie in Nordamerika und Canada hat man in der frühen Nachkriegszeit die Sami Kinder aus den Familien genommen und in Internaten unterrichtet. Das führte auch hier zu einer Entfremdung der Kinder gegenüber ihrer eigenen Kultur. Heute dagegen besinnen sich die Sami auf ihre  Wurzeln und das kommt im Museum deutlich zum Ausdruck.

Inari selbst ist ganz offensichtlich eine Winterdestination zum Beobachten der Polarlichter, es gibt unzählige Unterkünfte. Jetzt, im Sommer, wirkt der Ort auf uns nicht so ansprechend, was vielleicht auch daran liegt. dass es regnet.

Sami Museum in Inari. Hinten Bildwände, vorne Videopräsentationen
Typische Moorlandschaft um den Inarisee

Wir verlassen Finnland über die Straße Richtung Kirkenes, die entlang unzähliger kleiner und großer Seen und kleiner und großer Sümpfe führt und landschaftlich sehr schön und abwechslungsreich ist. Leider läuft uns ein wunderschönes Moorhuhn vors Auto, da war nichts mehr zu machen!

Kurz vor der norwegischen Grenze liegen in der Einsamkeit zwei Tankstellen und ein großer Supermarkt. Jeder der das Land verlässt (oder auch Norweger auf Einkaufstour) tankt voll (30 Cent Unterschied im Preis) und deckt sich mit Alkohol und Lebensmitteln ein. Wir sind bereits über dem Limit mit unseren Alkoholvorräten und verstauen unsere zwei Flaschen Rum im Geheimfach. Hätten wir uns sparen können, denn an der Grenze ist lediglich ein Viehzaun und ein Cattle Grid, damit die Rentiere schön in dem Land bleiben, in das sie gehören. Ulrike balanciert über den Cattle Grid zurück nach Finnland: gar nicht so einfach, die Abstände zwischen den Grids sind so groß, dass sie nicht nur für Rentiere sondern auch für Fußgänger ein Hindernis darstellen.

Grenze zwischen Finnland und Norwegen mit Cattle Grid

Finnland hat uns sehr gut gefallen! Verbindet man gerne Camping und Baden, Beerensammeln und Angeln, ist es das perfekte Urlaubsland. Man kann an tollen Orten frei stehen, aber auch die Campingplätze sind sehr schön. Diese hatten immer eine für alle Gäste zugängliche Küche und einen Aufenthaltsraum, so dass Reisende mit Zelt auch bei schlechtem Wetter zurechtkommen. Die Schönheit des Landes ist eine eher scheue, zurückhaltende und erschließt sich auf der reinen Durchfahrt nicht, verzaubert einen aber, sobald man sich etwas Zeit zum Erleben der Natur nimmt.

In Norwegen ist die Landschaft völlig anders! Keine ausgedehnten Wälder mehr, sondern eine Berglandschaft, die uns bis zum Tana Fluss eher an Frankreich erinnert. Das liegt mit daran, dass die Moorbirken aus der Ferne betrachtet fast Korkeichen sein könnten, auch, weil ihre älteren Triebe aussehen, als hätten sie einen Waldbrand überstanden. Am Tanafluss gehen wir auf einen Campingplatz (nicht schön, aber zweckmäßig), denn wir wollen gerne ausgiebig duschen.

In Norwegen: keine Wälder mehr, keine Kiefern sondern nur noch niedrige Moorbirken
Ferienhaus an der Straße. Der Mieter muss erst den Steinblock wegmeiseln, dann aber ist er willkommen.

Am 27.7. fahren wir entlang des Tana Flusses durch ein Gebiet, in dem Viehwirtschaft betrieben wird und das auf uns so gar nicht nordisch wirkt – und das so weit nördlich wie die Nordspitze Alaskas! Das Bild ändert sich, als wir in die Berge fahren – eine tolle, weitläufige Tundra Landschaft! Leider regnet es und es ist stellenweise sehr neblig. Trotzdem stehen weit abseits jeglicher Besiedelung an allen Wanderparkplätzen norwegische Autos und Wohnwägen. Ganz offensichtlich wandert und angelt man gerne und stört sich überhaupt nicht am Wetter.

Der erste Blick auf den Laksefjord
Lebesby am Laksefjord hinter einem Meer von schmalblättrigen Weidenröschen
Ab hier schraubt sich die Straße auf die Hochebene der Nordkinnhalvöya

Wir wollen an die Spitze der Nordkinnhalvöya nach Gamvik und fahren erst am Laksefjorden entlang und dann hinauf in die Berge. Die ausgedehnten Hochebenen liegen über 300 m hoch und sind im Winter völlig verschneit. Die Straße kann dann nur im Konvoi passiert werden, die Zeiten dafür stehen auf einem Schild am nun offenen Schlagbaum. Es gibt einen großen Parkplatz und einen Schutzraum für die Wartezeit auf die Abfahrt des Konvois. Daneben wird das schwere Gerät zum Scheeräumen gelagert. Riesige Schaufeln für Schneepflüge und Schneefräsen.

Balu probiert eine der Schneefräsen an, links eine Schaufel für einen Schneepflug

Wir sind bei Sonnenschein unterwegs aber kurz vor Mehamn (ca. 700+ Einwohner, große Schule, Flughafen, Zwischenziel der Hurtigroute) senkt sich dichter Nebel auf uns. Wir tasten uns vor bis zum nördlichsten Punkt auf dem europäischen Festland, den man mit dem Auto erreichen kann, einem Wanderparkplatz auf 71°05‘26‘‘. Das Nordkap ist zwar mit 71°10‘21‘‘ etwas nördlicher, aber nicht mehr Festland, sondern eine durch einen Tunnel angebundene Insel.

So sieht es an unserem Ziel aus, als wir ankommen

Hier sagen sich im wahrsten Sinn des Wortes Seehunde, Seeadler, Füchse und Rentiere gute Nacht (alle am nächsten Morgen vom Wohnmobil aus gesichtet). Nur leider ist es immer noch sehr neblig, wir können den nahe gelegenen Leuchtturm Slettnes nicht mal mehr sehen. Wir machen einen Spaziergang dorthin und müssen feststellen, dass das uns angepriesene Café am Leuchtturm leider geschlossen ist.

Nach einer windigen und kalten Nacht beratschlagen wir, ob wir weiterfahren wollen. Angeblich soll es heute Abend aufklaren und morgen sonnig sein. Es gibt somit eine kleine Chance darauf, die Mitternachtssonne doch noch erleben zu können. Außerdem ist die Umgebung so schön, dass es schade wäre, gleich weiterzufahren. Nach einem gemütlichen Frühstück fahren wir in den nahen Fischerort Gamvik (230 Einwohner, 12 Kinder, eigene Schule) und danach ins 20 km entfernt Mehamn. Im Winter können diese paar km nur 6 mal täglich im Konvoi befahren werden! Man kommt also zum Coop nach Mehamn, muss dann aber drei Stunden dort abhängen!

Mehamn mit seiner Kirche aus Beton

In Mehamn fallen uns überall seltsame Plattformen auf, die mit Netzen abgedeckt sind. Wir schauen uns das näher an und erkennen bereits am Geruch, dass auf diesen Plattformen Fische getrocknet werden, genauer gesagt nur die Köpfe. Im Internet lesen wir, dass die getrockneten Dorsche (ohne Köpfe) hauptsächlich als Stockfisch nach Südeuropa gehen. Die Köpfe dagegen gehen im Container nach Westafrika. In Nigeria sind sie wichtiger Bestandteil einer beliebten Fischsuppe.

Die rätselhaften Gestelle aus der Nähe
Dorschköpfe für Nigeria! Leider können wir den Geruch nicht übermitteln

Mehamn spielte eine wichtige Rolle beim Schutz der norwegischen Wale. Im Frühjahr 1903 gab es dort einen Aufstand der Fischer. Die glaubten, dass der in dieser Zeit auftretende massive Rückgang der Zahl der gefangenen Dorsche an der in Mehamn ansässigen Walfangstation und Wal verarbeitenden Fabrik läge. Die Wale würden nämlich die Dorsche in Landnähe und sozusagen in die Netze der Fischer treiben. Keine Wale=keine Dorsche. 1500 erboste Fischer brannten die Fabrik im damals 123 Einwohner zählenden Ort nieder. Da war also eine Menge von auswärtigen Fischern unterwegs! In der Folge wurde in Norwegen ein Gesetz zum umfassenden Schutz der Wale beschlossen. Gute Dinge können also aus irrtümlichen Annahmen entstehen.

Gamvik

In Gamvik besichtigen wir ein sehr nettes, kleines Museum das in einer wiederaufgebauten alten Fischfabrik auf Stelzen über dem Hafen liegt. Wiederaufgebaut, weil die Deutschen die alte Fabrik und den ganzen Ort beim Abzug von der Murmansk Front niedergebrannt haben. In Gamvik gab es eine mit 135 deutschen Soldaten besetzte Festung, die Bunker sind noch zu sehen. Gamvik wurde sogar dreimal zerstört, einmal beim Abzug am 5. November, die provisorisch errichteten Winterquartiere dann nochmal am 13. und 19. Dezember. Die Menschen blieben trotzdem und überwinterten in Erdhütten, Höhlen oder unter Booten. Auch der Leuchtturm Slettnes Fyr wurde zerstört. Das kleine Gamvik war dabei kein Einzelfall. Beim Abzug zerstörte die deutsche Wehrmacht im Norden Norwegens (Finnmark und Troms) systematisch alle Siedlungen und Städte. Im finnischen Lappland war es übrigens ähnlich: alle Städte bzw. Siedlungen wurden von den Deutschen beim Abzug zerstört. An und für sich schon schlimm genug, noch schlimmer aber, wenn bedenkt, dass dies im Winter geschah.

Museum in Gamvik
Stockfisch im Museum
Stockfisch in allen Lebenslagen
Die norwegische Version der Meerjungfrau, der Marmael, ist männlich und ziemlich gruselig..
Wir am Strand. Es ist windig und kalt aber der Nebel lichtet sich
Strand und Leuchtturm Slettnes Fyr

Am nächsten Morgen (29.7.) ist tatsächlich bestes Wetter! Wir machen eine wunderschöne kleine Wanderung (8 km, aber wegen unwegsamen Geländes 4 h) entlang des „Kultursti“. Es geht die Küste entlang von Bucht zu Bucht, von Siedlungsrest zu Siedlungsrest. Man sieht noch ein paar Mauern alter Fischerhütten und einige zusammenstürzte Torfhütten und viel wunderbare Landschaft und Vegetation. Wilder Schnittlauch, Herzblumen, Moltebeeren in großer Menge und vieles mehr.

Üppige Vegetation nahe des Meers
Abwechslungsreiches Gelände: mal durch Felsen und Wiesen...
...dann ganz nah am Wasser...
...wo riesige Kugeln aus Eisen liegen, angeblich Schwimmkörper von Netzen.

Peters Kommentar bei der ersten der Kugeln: “die nehmen wir aber nicht mit!”. Er hat Glück, sie sind so schwer, dass selbst ein kräftiger Mann sie nicht vom Strand wegbekäme. Wie muss das Meer hier toben, um diese schweren Kugeln so weit auf die Wiese zu rollen!

Am Ende des „Kultursti“ hängt ein wasserdichter Kasten, darin ein Gästebuch und Kugelschreiber. Wir tragen uns ein, das Buch ist fast voll, begonnen wurde es 2011.

Den Abschluss des Weges bildet ein altes Labyrinth. Man glaubt, dass die Fischer es zur Abwehr von schlechtem Wetter angelegt haben. Die kleinen Trolle, die das schlechte Wetter verursachen, wurden hineingelockt und fanden nicht mehr hinaus. So steht es wenigstens auf der Tafel, die das Labyrinth erklärt!

Picknick am Ende des Kultursti an Bank und Tisch, erbaut aus Schwemmholz
Das Labyrinth, am Boden kaum zu erkennen...
...aus der Luft aber sehr deutlich!
Umgebung des Labyrinths

Zurück geht es über das Hochland entlang mehrerer Seen. Hier wächst nichts, was höher als 2 – 5 cm wird. Karg, unwirtlich, Wind und Schnee ausgesetzt. Ulrike findet unterwegs die beiden Teile eines Rentier Kiefers samt Zähnen. Als wir googeln, um zu sehen, ob wir wirklich Teile eines Rentiers vor uns haben, stellen wir fest, dass ein Kieferstück bei Etsy für 160 € gehandelt wird. Anwendung: Magie und Abwehr böser Kräfte. Also Augen auf, das könnte eine Möglichkeit sein, den Urlaub zu finanzieren.

Am Abend dann das Hauptereignis des Tages: die Mitternachtssonne. Vom 13.5. bis zum 31.7. wird es in Gamvik nicht dunkel (zum Ausgleich wird es zwei Monate um Weihnachten herum nicht hell, auch nicht schön)! Wir sind also knapp vor Ende der Polartage hier und heute Abend wird der Himmel wolkenfrei sein! Glück gehabt! Wir genießen das Ereignis bei einem schönen Rotwein! Endlich haben wir mal mühelos die Nacht bis zum Morgengrauen durchgemacht! Stimmungsmäßig fast wie Silvester, nur bei Sonnenschein.

Am 30.7. fahren wir die ganze Strecke (100 km) bis zur Abzweigung von der „Hauptstraße“ (die eigentlich auch keine ist) zurück und folgen dann der 98. Dabei sehen wir die tolle Landschaft der Nordkinnhalvöya, die wir auf der Hinfahrt bei Nebel kaum gesehen haben.

Kein Fjord, diese Hütte liegt an einem Bergsee
Diese Rentierscheuchen haben uns bei der Hinfahrt im Nebel fürchterlich erschreckt!
Fast am Ende der Halbinsel wachsen wieder Bäume....
...und die Gegend wandelt sich in fruchtbares Farmland mit Weidewirtschaft...
...mit weiten Ausblicken auf den Fjord

Unterwegs gibt es zwei Attraktionen: der Adamsfoss, ein Wasserfall direkt an der Straße und der Silfar Canyon etwas abseits davon. Beide ganz nett, aber man muss nicht Tausende von km fahren, um sie zu sehen. Dafür sehen wir unser bisher schönstes Rentier!

Wir haben viele Rentiere fotografiert, aber dieses ist das schönste Exemplar!

Es folgt Tanken und ein Einkauf in Lakselv (ca. 2150 Einwohner), einem Durchgangsort an der E6. Nachdem wir feststellen, dass unterwegs auf jedem Platz am Meer campende Norweger zu finden sind, gehen wir auf Nummer sicher und übernachten kurz hinter Lakselv auf einem schönen Picknickplatz am Wasser statt wie geplant noch zu den Trollholmen zu fahren.

Vor uns mündet ein großer Fluss in den Fjord und sorgt für eine flache, sandige Bucht. Um uns herum entwickelt sich ein Pop-up Campingplatz. Einige Wohnmobile, PKWs mit Zelt und ein Wohnwagengespann parken in den von niedrigen Moorbirken gebildeten Buchten mit mehr Abstand als auf jedem deutschen Campingplatz. Treibholz wird gesammelt, zersägt und Feuerchen angeschürt, Kinder spielen im Watt, niemand lärmt, niemand hat laute Musik an, die Stimmung ist entspannt und freundlich. Den Norweger scheint es wirklich am Wochenende in die Natur zu ziehen, selbst wenn er unserem Empfinden nach auch dort in weitläufiger Natur lebt. Die Bevölkerungsdichte hier oben in der Finnmark (nördlichste Region Norwegens) liegt schließlich nur bei 1.5 Einwohner/km2 (Deutschland: 232/km2)!

Am 31.7. besuchen wir erst die Trolle von Trollholmen. An dieser Meeresbucht wurde eine Truppe marodierender Trolle vom ersten Sonnenlicht getroffen und erstarrte zu Stein. In Realität handelt es sich um verwittertes Dolomitgestein. Ein schöner Ort, schön ist auch die Anfahrt durch liebliche Fjordlandschaft mit Ackerbau und Viehzucht.

Auf dem Weg zu den Trollen
Die Insel Trollholmen...
...und die versteinerten Trolle!

Der totale Gegensatz ist die Route zum Nordkap. Hier ist alles schroff und rau, die Straße führt immer am Abgrund entlang. Sehr beeindruckend ist der fast 7 km lange Unterwassertunnel zur Nordkapinsel. Es geht erst mit 10 % Gefälle über 200 m unter den Meeresgrund nach unten und dann ebenso steil wieder hoch. Die vielen Radfahrer, die auf dieser Strecke unterwegs sind müssen hier auch durch, wahrlich gruselig. Im Hafen von Honningsvag liegen zwei Kreuzfahrtschiffe, nach all der Einsamkeit unterwegs befremdlich. Dann geht es über eine Art Passstraße hinauf auf eine weite Hochfläche und dann liegt es in der Ferne vor uns, das Nordkapp. 

Honningsvag mit zwei Kreuzfahrtschiffen
Vor uns das Nordkapp

Am Eingang zum Nordkapzentrum zückt Ulrike schon ihre Sparkassenkarte aber: der Besuch des Außenbereiches und auch das Parken und Übernachten sind kostenlos. Nur wenn man in das riesige, großteils unterirdische Nordkapzentrum möchte, zahlt man 31 € pro Person. Dafür darf man dann in den Gift Shop, das Restaurant, die Kapelle und die Mult Media Show, die das Nordkap zu allen Jahreszeiten und Sichtverhältnissen zeigt. Letztere ist sicher sehenswert, vor allem wenn man das Kap bei Nebel erlebt.

Auf dem großen Parkplatz ist noch ein letzter Platz in der Reihe der Wohnmobile mit Blick aufs Meer frei, das ist nun Unserer. Auf dem Plateau vor uns bauen noch einige Radfahrer ihre Zelte auf, ansonsten ist der Blick aufs Meer und das Kliff in Richtung Westen frei.

Nordkap von oben: ein riesiger Parkplatz, das Nordkapzentrum und ganz links und klein der Globus.
Eindrucksvoll die Lage des Globus am Rand der hohen Klippe

Die Sonne hat gerade den berüchtigten Nordkappnebel verdrängt und wir machen einen ersten Besuch bei der berühmten Weltkugel, nach unserem Imbiss (Lachsschnittchen mit einem Gläschen Wein) in der Sonne vor Balu noch einen weiteren. Die Stimmung ist wunderbar, die Sonne scheint, fremde Menschen bitten einander, sie doch vor der Kugel zu fotografieren. Jeder macht die Plattform sofort wieder frei, niemand drängelt, sehr angenehm! Wir sind nun doch sehr froh, nicht am Nordkap vorbei gefahren zu sein. Schon die Anfahrt ist spektakulär schön und den Kommerz im Nordkapzentrum muss man ja nicht mitmachen. Mit der Mitternachtssonne wird es zwar nichts, weil die Sonne um 24:00 hinter Wolken verschwindet, aber es ist trotzdem schön und wir sind uns bewusst, dass wir riesiges Glück haben bei so gutem Wetter hier zu sein. Es gibt Leute, die waren schon dreimal am Nordkap und immer war Nebel!

Peter in der typischen Nordkap Pose

2 Antworten

  1. Klasse, dieser Reisebericht! Tolle Fotos und Videos und schön beschrieben. Sind schon ein wenig neidisch.
    Herzliche Grüße und euch eine gute Weiterreise

  2. Großartig, was Ihr beide alles erkundet.
    Schwer sich vorzustellen, dass es bei Euch so kühl ist, dass Ihr einen Anorak mit Kapuze benötigt. Hier hatte es heute am Spaetnachmittag 40 Grad!
    Die nordischen Länder sind wunderschön und zwischendurch die Einsamkeit kann man umso besser genießen, wenn man an die Hektik hier denkt.
    Ich reise in Gedanken mit. Genießt jeden Tag!!!!
    Ganz liebe Grüße aus der zur Zeit entsetzlich heißen Heimat .

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.