Unterwegs mit unserem Wohnmobil Balu

Die Welt ist zu schön, um darüber hinweg zu fliegen

Bis Point Corsen, dem westlichsten Punkt der Bretagne

Vom Camping Municipal bei Plougrescant aus geht es Richtung Südwest quer durchs Land nach Lannion und von dort wieder an die Küste zur die Ile Grande. Das Inland ist geprägt von intensiver Landwirtschaft und weniger interessant als die Küste. Unterwegs schlagen wir an der Fischtheke eines Supermarktes zu! Eine Krabbe (muss man ja mal versucht haben) und 1.5 kg Miesmuscheln. Die Krabbe wird gleich vor Ort im Dampfgarer gegart und ist somit verzehrfertig. Krabbe to go!

Allerdings müssen wir sagen, dass wir von der Krabbe nicht so sehr begeistert sind. Das Fleisch ist etwas fasrig und der Geschmack längst nicht so gut wie der eines Hummers. Aber die Miesmuscheln sind lecker!

Diese Krabbe soll es sein!

Die Ile Grande ist eine kleine Gezeiteninsel, die über eine Brücke ans Festland angeschlossen ist. Wir beziehen einen schönen Platz mit Meerblick auf dem dortigen Camping Municipal. Der Platz ist immer noch gut von Wohnmobilen besucht, aber die Franzosen mit Wohnwägen und Vorzelten sind im Abzug begriffen. Unsere Platznachbar war drei Monate (!) auf diesem Platz und er ist nicht der einzige, der hier den gesamten Sommer verbracht hat.

Gut, dass wir eine Rohrzange dabei haben!

Eigentlich haben wir geplant, mit dem Rad nach Tregastel und Ploumanach zu fahren, verzichten aber angesichts des Verkehrs auf der schmalen Küstenstraße und der herrschenden Hitze lieber darauf. Außerdem ist es auf der Ile Grand so schön! Wir umrunden die Insel teils per Rad, teils zu Fuß und genießen die Aussicht aufs Meer.

Denkmal für die Granithauer, die früher auf der Insel geschuftet haben
Dolmen am Wegesrand

Ich bade sogar, das Wasser ist so kalt gar nicht. Die berühmten Worte: „wenn man einmal drin ist, ist es richtig schön“ treffen hier zu. Lediglich der Markt ist eine Enttäuschung: ein Crêpe Wagen und ein Gemüsestand, kein Kunstgewerbe oder irgendetwas Nettes.

Badevergnügen bei Flut
Bei Ebbe kann man zu Fuß zur nächsten Insel laufen! Baden ist nicht mehr möglich

Nach zwei Nächten ziehen wir weiter. Bei der Durchfahrt durch Lannion sehen wir, dass dort gerade Markt ist. Das Parken ist nicht ganz einfach, aber auf dem Parkplatz für Wohnmobile ist mehr Platz als auf denen für PKWs. Lannion begeistert, wie viele bretonische Städtchen, durch die phantasievolle und prächtige Gestaltung des städtischen Grüns. Die Marktstände ziehen sich entlang des Flusses bis hinauf in die nette Altstadt. Auch die Cafés und Restaurants sind voller Einheimischer, man sitzt draußen und genießt das schöne Wetter. Und das mitten unter der Woche und nachdem die Schule wieder angefangen hat.

Promenade am Fluß in Lannion
Gasse in Lannion
Schiefe Häuser am Marktplatz

Von Lannion aus geht es zum Point Primel bei Tregastel, dem letzten Kap der rosa Granitküste. Hier haben wir zum ersten Mal Pech: der Stellplatz am Kap ist tatsächlich voll. Wir kommen stattdessen im nahe gelegenen Ort St. Jean du Doigt unter, wo es tatsächlich viel schöner ist als auf dem beliebten und daher vollen Platz an der Küste. Das kleine verschlafene Dörfchen ist bezaubernd, der Camping Municipal ist völlig leer und wunderbar schattig, was bei der Hitze wirklich angenehm ist. Und das alles nur 3 km vom Meer entfernt. Im Dorf sehen wir die erste der umfriedeten Kirchen (Enclos paroissial), die es in dieser Form nur in der Bretagne gibt.

Typischerweise umgibt eine Mauer den Friedhof vor der Kirche und ein prächtiges Portal trennt den Kirchhof vom Dorf. Dazu gehören noch ein Beinhaus mit Kapelle und ein Calvaire. Der Calvaire ist eine figürliche Darstellung des Lebens Christi aus Stein und steht im Freien. In St. Jean gibt es zwar keinen Calvaire, dafür aber auf dem Friedhof einen großen Springbrunnen, dessen Plätschern man im ganzen Ort hört. In der Kirche wird eine besondere Reliquie aufbewahrt: ein Stück des Zeigefingers von Johannes dem Täufer! Wie der Finger dahin gekommen sein soll, ist eine andere Frage! Daher auch der Ortsname „Der Finger des heiligen Johannes“.

Dorfplatz von St. Jean. Die Kirchturmspitze und drei Türmchen fehlen, die hat ein Blitzeinschlag weggefegt

Als ich abends in den Ort gehe, um zu schauen, ob man am Morgen irgendwo ein Baguette bekommen kann, habe ich ein nettes Erlebnis. Der Koch des einzigen Restaurants, der gerade eine Raucherpause macht, sieht meine suchenden Blicke und führt mich in die gegenüberliegende Kneipe, wo ich für den nächsten Morgen tatsächlich ein Baguette bestellen kann. Das Restaurant nennt sich zwar „Le Gout du Monde“, wirkt aber so als würden sich eher selten Gäste hierher verirren, um auf den verblichenen Plastikstühlen Platz zu nehmen.

Der nächste Tag ist vollgepackt mit Kultur! Den Auftakt macht der Cairn de Barnenez, ein 7000 Jahre alter Grabhügel in einmaliger Lage auf einer Halbinsel über dem Meer. Bis 1954 hat ein Bauunternehmer Steine aus dem Grabhügel abgetragen, bevor er gestoppt wurde. Klingt schlimm, hat aber dazu geführt, dass es auf der Rückseite einen Schnitt durch den Grabhügel gibt und man nun freie Sicht auf vier der Gräber hat.

Vordere Ansicht mit Eingängen zu den Gräbern
Erst aus der Luft, kann man die Größe der Anlage erkennen
Rückseite des Cairn mit "Schnitt" durch den Grabhügel
Unterschiedliche Bauformen der Gräber

Es folgen drei umfriedete Kirche in den Orten Saint Thegonnec, Guimiliau und Lampaul-Guimiliau. Warum es in diesen kleinen, nahe beieinander liegenden, Orten eine derartige Anhäufung von sakralen Bauten gibt, lag wohl an zwei Dingen: man hatte infolge des Geschäfts mit Leinen und Gerberei Geld und man stand mit den Nachbarorten in ständiger Konkurrenz und wollte die prächtigste Kirche und den größten Calvaire haben.

In Saint Thegonnec gibt es einen Triumphbogen von 1587, ein Beinhaus mit Grablegungsszene und einen eher kleinen Calvaire.

Portal, Calvaire und Beinhaus in Saint Thegonnec
Auch in der Kirche wurde nicht gespart
Fast lebensgroße Szene im Beinhaus

Der Nachbarort Guimiliau hat einen noch prächtigeren Calvaire aus der Zeit 1581 bis 1588 mit mehr als 200 Figuren, die das Leben und Leiden Jesu darstellen. Die Kirche ist ebenfalls eindrucksvoll wegen ihrer eigenartigen Orgelempore und den sehr schiefen Säulen, die das Dach tragen. Peter wirft einen Blick darauf und meint, wir sollten lieber gehen, bevor die Kirche zusammenbricht und uns der Himmel auf den Kopf fällt.

Portal zum Kirchhof von Guimiliau
Calvaire
Einer der Ältäre in der Kirche
Die Orgel passt kaum in die Kirche und beschränkt die Durchgangshöhe

Den Abschluss macht dann Lampaul-Guimiliau, wo wir auf dem kostenlosen Stellplatz des Örtchens übernachten. Hier arbeiten gerade drei Handwerkern an der Außenfassade Kirche und hören dabei laute bretonische Musik: Trip to Skye von Skolvan. Man möchte dazu tanzen!

Kirche von Lampaul-Guimiliau, der Kirchturm wurde vom Blitz gestutzt
Leider war die Töpferei geschlossen

Am nächsten Tag fahren wir bis Argenton. Der örtliche Campingplatz ist bereits geschlossen, für Wohnmobile aber als reiner Stellplatz noch offen. Wir stehen mal wieder wunderschön mit Blick aufs Meer. Direkt neben dem Campingplatz gibt es eine alte Kapelle und einen Dolmen. Hier sind wir nicht mehr am Ärmelkanal, sondern bereits am Atlantik. Ich schwimme am späten Nachmittag noch am nahegelegenen Strand, obwohl bereits Ebbe ist. Auf der Ile Grand war das nicht möglich, da war bei Ebbe die ganze Bucht einfach leer.

Abendspaziergang nahe Argenton

Am nächsten Tag fahren wir mit dem Rad auf der Route touristique die Küste entlang über Tremazan nach Portsall. Eine wunderbare Strecke!

Auf dem Weg nach Portsall
Kapelle am Wegesrand

Portsall erlangte leidvolle Berühmtheit durch die Strandung des Öltankers Amoco Cadiz auf den Felsen vor der Stadt am 16.3.1978. Das war die größer Öltanker Katastrophe Europas und jeder unserer Altersgenossen erinnert sich wahrscheinlich an die schlimmen Bilder. 230.000 Tonnen Rohöl liefen aus und verseuchten 300 km Küstenlinie von der wunderschönen Ile de Brehat bei Paimpol bis westlich von Brest. Fauna und Flora wurden flächendeckend getötet, Tausende von menschlichen Existenzen zerstört. Heute sieht man davon glücklicherweise nichts mehr, weiß aber natürlich nicht, was sich noch auf dem Grund des Meeres verbirgt.

Aussichtspunkt in Portsall mit Kreuz und Dolmen
Portsall
Strand von Tremazan
Bucht von Penfoul

Und dann nähert sich unsere Reise ihrem ungeplanten Ende. Fast am westlichsten Punkt der Bretagne und Frankreichs bleibt unser Balu auf dem Parkplatz eines Supermarktes einfach stehen. „Getriebefehler“. Wir müssen abgeschleppt werden!

Ein trauriges Bild!

Die Fiat Werkstatt in Brest kann uns nicht helfen, nächster möglicher Termin wäre im Oktober! So landen wir bei Normans Garage. Eine große, nagelneue Halle mit einem im Internet bestens bewerteten Betreiber in einem kleinen Gewerbegebiet bei St. Renan. Norman will sich Balu am nächsten Morgen zumindest anschauen und wir dürfen auch gerne bei seiner Garage übernachten, er bietet uns sogar Strom und Wasser an.

Das Logo ist tatsächlich dem Aussehen von Norman nachempfunden!

Wie durch ein Wunder läuft Balu aber plötzlich wieder, als er von Norman gestartet wird. Norman liest den Fehler aus, kann aber nichts machen, weil er keinen Zugriff auf die Datenbank von Fiat hat.

Wir fahren erstmal weiter und besichtigen noch den größten Hinkelstein der Bretagne und machen einen Spaziergang am Point Corsen. Nach Rücksprache mit unserer Fiat Werkstatt entschließen wir uns dann aber doch, nach Hause zu fahren und Balu dort durchchecken zu lassen. Das Risiko eines Heimtransports über den ADAC wollen wir nicht eingehen.

Menhir de Kerlouas
Unser westlichster Punkt

Nach fast 1000 km haben wir wieder mehr Vertrauen in unser Auto und legen noch einen Besichtigungsstopp in Chartres ein. Der Campingplatz liegt im Grünen und man fährt von dort in knapp 10 min mit dem Rad in der Stadt bzw. an der Kathedrale. Die Kathedrale dominiert die Stadt, weil sie auf einer Anhöhe liegt und man sie tatsächlich bei der Anfahrt schon sehen kann.

Chartres, Westansicht mit Königspforte. Der rechte Turm, das Portal und die Glasfenster wurden vom Brand von 1194 verschont!
Wunderbare Gestaltung des Königsportals
Chor
Eindrucksvolle äußere Chorwand. Die linke Seite wurde Ende des 16. JH begonnen, die rechte 200 Jahre später abgeschlossen.
Detail Chorwand: Himmelfahrt

Im angeschlossenen Laden kaufe ich eine Postkarte des Labyrinths und muss lange warten, weil ein Amerikaner vor mir einen Großeinkauf tätigt. Er ersteht Rosenkränze, Marienfiguren und Engel für 400 €. Die Dame an der Kasse ist sichtlich beeindruckt.

Hier haben wir nett gegessen
Mann mit Hündchen
Unten am Fluss fühlen wir uns an Bamberg erinnert

Am Abend gehen wir noch zu „Chartres en Lumiere“, einem Event, der täglich zwischen Einbruch der Dunkelheit und 1:00 nachts kostenlos geboten wird. 20 Stellen in der Stadt werden mit Lichtshows illuminiert. Die zwei unterschiedlichen Shows am Hauptportal der Kathedrale sind besonders toll und dauern jeweils 15 min. Das ist ein schöner Abschluss unserer Reise!

Fazit: Bretagne, wir kommen wieder!

Sowohl die Normandie als auch die Bretagne haben uns ausnehmend gut gefallen und wir wollen auf jeden Fall nochmal hierher reisen und die Fahrt von Point Corsen nach Süden fortzusetzen. Die Küste, die netten Orte und die üppige Vegetation sind wirklich ausnehmend schön und das Camping in Frankreich ist einfach genial mit seiner großen Auswahl an Stellplätzen und Campingplätzen vom günstigen „Camping Municipal“ bis zum Luxusplatz.

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7 Antworten

  1. Hallo Ulrike und Peter,

    ihr habt eine tolle Tour gemacht und viel schönes gesehen. Danke für den lebhaften Bericht und die aussagekräftigen Bilder. Gut, dass ihr wieder wohlbehalten zurück gekommen seid.

    Viele Grüße Gerd

  2. Hallo Ihr Lieben,
    Eure tollen Bilder und der Bericht animiert uns vielleicht doch noch etwas nördlicher als geplant zu reisen.
    Im Moment faszinieren uns die Schlösser und Gärten an der Loire.

    Grüße
    Horst und Debbie

  3. Liebe U & P
    Eurer Route entsprechend, seid ihr bereits wieder zuhause und mit dem Schrecken von der abgebrochenen Tour davon gekommen. Vielen Dank für eure interessanten Reiseberichte, so folgen wir zur Zeit teilweise eurer Spur auf Peloponnes. Viel Erfolg bei der Reparatur von Balu und viel Freude bei der Vorbereitung der nächsten Tour. Christina und Alois

  4. Liebe Ulrike, lieber Peter,
    das ist ja mal wieder eine tolle Tour.
    Ich bin gerade in den Staaten, aber mit derartiger Kultur kann ich nicht dienen. Höchstens mit großen Fischen, aber die esse ich nicht. Nur die kleinen. Die schmecken besser.
    Ich wünsche euch beiden alles Gute!

  5. Eure “Krabbe” ist ein kleiner Taschenkrebs. An der Nordsee werden nur die Scheren gegessen, das sind die bekannten Knieper. (Info von Manfred) 😉
    Die Hinterbeine werden nicht gegessen. Aber auch das Fleisch in der Schale ist essbar.

  6. Liebe Ulrike, lb. Peter,
    euren Reisebericht habe ich wieder mit großem Interesse verfolgt. Leider war ich selbst noch nicht dort, aber Manfred kennt die Gegend sehr gut. Er hat zahlreiche Exkursionen mit seinen Studenten in die Bretagne gemacht. In unserem Keller stehen zahlreiche Diakästen. Da dürft ihr gern mal stöbern!
    Schade, dass euch die Technik des Autos einen Strich durch die Rechnung gemacht hat.
    Wir wünschen eine gute Heimfahrt.
    Meldet euch bitte, wenn ihr Zeit habt.
    Dann können wir uns endlich mal wiedersehen!
    Ganz lb. Grüße,
    Irmgard und Manfred

  7. Hallo ihr Zwei,
    tolle Berichte und fantastische Bilder.
    Schade, dass ihr die Reise abbrechen musstet. Aber mit defektem Fahrzeug ist es immer ein Risiko, doch irgendwann stehen zu bleiben. Wir wünschen euch ein gutes Nachhause kommen.
    Jetzt noch eine Frage. War die Krabbe männlich oder weiblich? Wir haben die Tierchen auch des Öfteren in Frankreich auf den Märkten gekauft. Aber waren nie sooo begeistert. Jemand sagte mir, man soll darauf achten, ob männlich oder weiblich. Aber ich habe es vergessen, welche besser schmecken sollen. Wisst ihr es?
    Herzliche Grüße Ingrid und Manfred

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