Saudi Arabien, ein Land im Umbruch

Tag 108 (28.2.2020)

Der heutige Tag ist der Fahrt von Damman nach Riad gewidmet, ca. 430 km, aber alles Autobahn. Wir bemühen uns und fahren um 8:30 los, werden aber von unseren Mitreisenden (wie immer) geschlagen. Es sind extreme Frühlosfahrer dabei, die bereits um 7:00 aufbrechen, was einen dann schon irgendwie unruhig macht und Guide Oleg zur Verzweiflung bringt, weil er es nie schafft, als erster am Ziel zu sein.
Die gesamte Strecke ist unattraktive Wüste, viele LKWs, relativ schlechte Straße, viele aufgegebene Tankstellen, viel Schrott am Straßenrand. Keine Rastplätze unterwegs, so dass man nur an einer der wenigen Tankstellen halten kann. Bei Dominos holen wir uns ein gefülltes Brot und essen es im Auto. Ein junger Saudi der mit dem Motorrad unterwegs ist begrüßt uns und will wissen, ob wir tatsächlich aus Europa sind. Er will uns seine Mobilnummer geben, falls wir unterwegs irgendwelche Probleme haben. Das wiegt ein etwas seltsames Erlebnis kurz vorher auf. Ein Mann, der aus der Moschee kommt (jede Tankstelle hat eine), wirft seinen halb gefüllten Kaffeebecher an unser Hinterrad. Könnte Zufall sein, aber sein Blick auf mich als Fahrerin war nicht eben freundlich. Immerhin dürfen hier Frauen erst seit Herbst 2017 Auto fahren und wir haben noch keine Frau am Steuer gesehen.

Einfahrt zum Camp

Der Übernachtungsplatz bei Riad wurde uns als typisches Camp in der Wüste angekündigt, in dem die Einwohner der Hauptstadt gerne ihr Wochenende verbringen. Ein solches Camp ist begrenzt mit einem Erdwall, den ein Bagger aufgeschüttet hat. Die ganze Fläche zwischen zwei großen Ausfallstraßen (Wüste natürlich) ist übersät mit solchen Camps, darüber die Einflugschneise des Flughafens. Innen dann ein Männer- und Frauenbereich, der Männerbereich mit einem großen Beduinenzelt und davor einer großen Sitzgruppe rund um eine Feuerstelle. Der Frauenbereich deutlich kleiner und hässlicher, wen überrascht es!

Der junge Saudi, der uns empfangen hat, lässt sich auf einen deutschen Kaffee einladen und fachsimpelt dann mit Peter über Wohnmobile. Er möchte gerne ein kleines, wüstentaugliches Gefährt, plant aber von vorneherein draußen im Sand zu schlafen. Er ist der Praktikant von unserem Guide Ali, will umsatteln weil sein Geschäft mit LKWs die Sand transportieren nicht mehr läuft.
Abends wird auf dem Feuer Tee und Kaffee gekocht und mit Datteln serviert. Die Dunkelheit schmeichelt dem Ganzen und es kommt etwas arabische Wüstenstimmung auf.

Tag 109 (29.2.2020)

Heute steht die Besichtigung der Hauptstadt auf dem Programm, natürlich mit dem Bus. Das geht nur, weil Freitag ist und der Verkehr nicht so stark wie sonst. 8 Mio. Einwohner, kein Nahverkehrssystem (eine U-Bahn ist gerade im Bau), man kann es sich vorstellen. Riad bietet in der Innenstadt ein hauptstädtisches Bild. Gute Straßen, landschaftsgärtnerisch gestaltete Kreisverkehre, gepflegte Palmenalleen entlang des Flughafenzubringers. Nach „nur“ 45 min sind wir in der Altstadt rund um das Fort Masmak. Viel ist außer dem Fort nicht davon übriggeblieben.
Fort Masmak ist berühmt, weil hier die entscheidende Schlacht gegen die Osmanen geschlagen wurde, in der die Sippe der Al Sauds 1902 ihr ursprüngliches Stammesgebiet wieder zurückerobern konnte. Das war der Beginn der Ausweitung auf das heutige Gebiet Saudi-Arabiens und der Vereinigung als Königreich unter Führung der Al Sauds 1932. Direkt gegenüber liegt der Platz auf dem die Hinrichtungen stattfinden. Guide Ali erzählt (fast stolz) davon. Hände werden nicht mehr abgehackt, Mörder aber sehr wohl geköpft. Drogenhändler passiert das erst beim 2. Vergehen.

Platz, auf dem die Hinrichtungen stattfinden
Im Souk

Wir besuchen erst den Souk, dann das Fort selber. Das Fort ist ein Schrein für die mutigen Al Saud Kämpfer und die Könige seit 1932. Interessanterweise wird der Königstitel von Bruder zu Bruder weitergegeben. Da gab es eine große Auswahl, denn Emir Abd al-Aziz Ibn Saud hatte 50 Söhne. Der heutige Kronprinz ist der erste Enkel von Abd al-Aziz, der an die Macht gelangt, also wahrlich ein Generationenwechsel.


Weiter geht es ins moderne Riad, zum Kingdom Tower. Der schaut aus wie ein Flaschenöffner und beherbergt das Four Seasons Hotel, diverse Büros und ein exklusives Einkaufszentrum, die Kingdom Mall und (Dior, Versace, Tiffany, Gucci, alles von Rang und Namen ist vertreten).

Hier haben wir Mittagspause. Sehr interessant ist es, die Leute zu beobachten. Viele Frauen fallen durch ihre neumodischen hellen oder gemusterten Abayas auf, die sie teils offen wie einen Mantel tragen. Häufig ohne Gesichtsschleier aber mit einem Tuch, das die Haare ganz oder teilweise (!) abdeckt. Viele sind aber auch traditionell schwarz gekleidet und verschleiert. Im Food Court gibt es immer noch einen Familienbereich und einen Männerbereich, der Familienbereich ist aber nicht mit einer Sichtblende abgetrennt. Manche Frauen nehmen den Schleier zum Essen ab, andere schieben das Essen unter dem Schleier in den Mund. Die meisten jungen Männer sind westlich gekleidet, die Familienväter traditionell. Auch weibliche Verkäuferinnen sieht man, die aber immer verschleiert. Viel los ist nicht, was den Eindruck unterwegs bestätigt, dass das Land sich in einer wirtschaftlich angespannten Lage befindet und viele Saudis Geldprobleme haben. Die Preise für Benzin haben sich z.B. mehr als verdoppelt, es wurde eine Mehrwertsteuer eingeführt und man denkt sogar daran, eine Einkommenssteuer einzuführen. Viele junge Leute sind arbeitslos, deswegen soll die Zahl der Fremdarbeiter reduziert werden und diese Jobs an Saudis gehen. Als Bau- oder Straßenarbeiter werden die aber sicher auch in Zukunft nicht arbeiten wollen.
Danach fahren wir mit dem Fahrstuhl in den 99. Stock, um über die Brücke, also den Steg des Flaschenöffners zu gehen. Die Aussicht ist toll, Peter aber leidet unter seiner Höhenangst. Wir sind die einzigen Touristen, also kein Anstehen in einer Schlange!

Blick vom Übergang in das Innere des Turms

Dann zum Nationalmuseum, um einen Schnelldurchgang durch die Geschichte der Halbinsel und Saudi-Arabiens zu absolvieren. Ein schönes Museum, in dem man durchaus mehr Zeit hätte verbringen können. Aber in diesem Viertel sieht man, dass es hinter der schönen Fassade der Hauptstraßen deutlich einfacher aussieht.

Im Dunkeln geht es dann zurück zum Stellplatz. Alle sind müde und bedrückt von der Corona Situation in Italien und Deutschland. Wir haben heute eine Mail der Grimaldi Reederei erhalten, dass die angefragte Fährverbindung Israel /Italien momentan unterbrochen ist, da Israel keine aus Italien kommenden Schiffe mehr anlegen lässt. Saudi-Arabien hatte alle Touristenvisa gecancelt, auch die für Pilger und ist momentan noch ohne Corona Fall. Wir können nur hoffen, dass das so bleibt, denn wenn nicht, ist unsere Einreise nach Jordanien stark in Frage gestellt. Dazu der erste Corona Fall in Erlangen, gruselig das Ganze!

Tag 110 (1.3.2020)

Gegen 10 Uhr verlassen wir unser Camp und Riad. Wieder befremdet uns die heruntergekommene Umgebung der Stadt. Nach längerem Suchen finden wir auch eine Tankstelle, die in Betrieb ist und Diesel hat. Wir fahren die Strecke, die uns als landschaftlich schön empfohlen wurde und ganz allmählich wird die Wüste auch etwas ansehnlicher. Ziel ist das Ushaiger Heritage Village, ein Freilichtmuseum. Es liegt nur 190 km entfernt, so dass wir eine längere Mittagspause machen mit Ausblick auf Kamele, verlassene Lehmbauten und Wüste. Das Heritage Village ist ein kleiner Ort, der früher eine Zwischenstation für Pilger auf dem Weg nach Mekka war und ist in Lehmbauweise erbaut.

Anders als im Oman haben die Häuser oben weiß verputze Zinnen und kleine Dächlein über Fenster und Türen. Keines der Häuser ist mehr bewohnt, das meiste verfällt, aber die Häuser direkt an der Gasse sind renoviert. Die alte Moschee ist sehr schön und hat auch eine Wintermoschee im Untergeschoss.

Übernachtet wird in einem riesigen Park auf eine Hochfläche über dem alten Ort. Der Park hat die besten Zeiten hinter sich, Pavillons und Geländer sind am Verrotten, ist aber schön gelegen mit Blick auf die roten Sanddünen, die wir auf dem Hinweg durchfahren haben. Abends sehen wir einen Film über Saudi-Arabien.

Tag 111 (2.3.2019)

Fahrt nach Buraida durch ereignislose Wüste die noch dazu großteils vom Dunst verborgen ist. Das erstaunt uns immer wieder, dass die Luft hier in der Wüste so feucht und die Sicht so schlecht ist. Nachts ist es auch immer sehr kalt, 10° sind keine Seltenheit. In Buraida stehen wir am Stadtrand in einem großen, im Bau befindlichen Park. Da wird ordentlich Geld in die Hand genommen, viele Bäume säumen die Straßen, viele Picknickhäuschen und Spielplätze sind im Bau. Eigentlich ein ruhiger Tag, aber am Nachmittag ereilt Peter wieder der Hexenschuss und diesmal ganz schlimm. Das viele Sitzen im Auto ist problematisch, obwohl ich in Saudi-Arabien die meiste Zeit gefahren bin, weil Peter so erkältet war.

Tag 112 (3.3.2019)

Die Stimmung ist etwas gedämpft und wir haben beide schlecht geschlafen. Den Viehmarkt, der für 7:00 geplant war lassen wir ebenso aus wie den Besuch auf der Farm von Guide Alis Familie. Beides muss sehr interessant gewesen sein, besonders die Familienverhältnisse von Ali. Er ist ein VIP Guide und hat schon einen Berater von Trump geführt. Seine Familie scheint wohlhabend zu sein, der Vater hat in Italien studiert und besitzt eine große Dattelplantage, die aber von einem Manager geführt wird. Ali hat 32 (!!!) Brüder und 6 Schwestern, sein Vater hat vier Frauen. Aber selbst mit vier Frauen sind 38 Kinder eine erstaunliche Zahl.
Wir fahren nach Nordwesten direkt zum Ziel, dem Ort Jubbah, wo es Felsritzungen gibt, die zum UNESCO Weltkulturerbe gehören. Jubbah liegt 270 km entfernt und ist durch eine wunderbare neue Autobahn erschlossen, die nach Jordanien führt. Endlich gute Straßen und endlich auch eine ansehnlichere Landschaft. Zuerst felsige Berge, die sich aus der Wüste erheben, dann endlose Sanddünen. Leider gibt es auf der ganzen Strecke nur einen Autobahnparkplatz, so dann man nicht halten kann. Und der richtige Genuss fehlt, weil Peter nur unter Schmerzen auf dem Beifahrersitz sitzen kann.
Jubbah ist ein kleines, einfaches Oasen Städtchen in schönster Umgebung: die Sanddünen der Nafud Wüste und malerische Felsen aus Sandstein im Westen. Jubbah war früher eine wichtige Zwischenstation für die Karawanen, die hier ausruhen und ihre Vorräte auffüllen konnten. Heute wird Landwirtschaft betrieben, also Dattelpalmen angebaut und Gras für Viehfutter, das auf runden, bewässerten Feldern wächst. Die Kreisverkehre des Ortes sind mit skurrilen Figuren verziert: ein Jeep der eine künstliche Düne hinunterfährt, eine überdimensionierte arabische Kaffeekanne, ein überdimensionierter Weihrauchbrenner und ein gigantischer Eimer mit einem Wasserhahn drüber.

Wir stehen auf dem Parkplatz des Weltkulturerbes am Rand eines kleinen Parks, in dem eine Gruppe von Kindern spielt, während ihre Verwandten einen Teppich ausgerollt haben und picknicken. Es ist alles so abgelegen und friedlich, dass wir uns nicht vorstellen können, dass sich viele Touristen hierher verirren. Aber schön ist es! Zur den Gebetszeiten hören wir mindestens fünf verschiedene Moscheen. Leider ist der Ruf nicht mehr so melodisch schön wie im Oman und den VAE.

Tag 113 (4.3.2019)

Um 9:00 wird das Tor im Zaun für uns aufgeschlossen und wir machen einen Rundgang durch die Felslandschaft. Peter kann leider nicht mit. Wenn man einmal ein Auge dafür hat, sind die Felsritzungen überall.

An vielen Stellen kann man auch direkt hin, abgesperrt ist hier nichts (außer durch den Zaun, der das gesamte Areal umgibt). Die Felsen bestehen aus Sandstein, der aber an der Oberfläche an vielen Stellen eine schwarze, glänzende Oberfläche hat. Das ist der sogenannte Wüstenlack, der dadurch entsteht, dass Fe und Mn haltige Flüssigkeiten aus dem Inneren an die Oberfläche gelangen und dort verdunsten. In dieser Schicht befinden sich die Ritzungen. Als wir mit unserem Rundgang fertig sind, ist es bereits sehr heiß. Dann noch das Auto fertig machen, den Arztbesuch von Urs abwarten und in der Stadt einkaufen.
Einen gut sortierten Supermarkt gibt es nicht, sondern viele kleine Geschäfte, die entweder Obst und Gemüse oder Dauerwaren führen, was den Einkauf umständlich macht und auf Grundnahrungsmittel beschränkt. Tanken ist auch noch nötig, denn Tankstellen sind hier dünn gesät und viele haben kein Diesel. Da in Jubbah aber Landwirtschaft betrieben wird, gibt es hier Diesel. An der Tankstelle ist die Erde vom verschütteten Diesel getränkt, dass ich erstmal meine Abaya schürze, damit sie nicht im Dreck schleift. Der Tankwart ist so begeistert von einer autofahrenden Frau, dass er einen Kollegen bittet uns beide zu fotografieren und dann noch mehrere Selfies mit mir macht.
Nun geht es Richtung Al Ula, also nach Westen. Tolle Landschaften mit dunklen Felsen, später wieder mehr Sand, ganz anders jedenfalls als die trostlose Gegend, die sich zwischen dem arabischem Golf und bis weit hinter Riad erstreckt.

Alles menschenleer, immer mal wieder eine verlassene Tankstelle und zweimal kommen wir auch durch einen kleinen Ort. Die sind auch völlig menschenleer Typischerweise befindet sich am Ortsrand und nur per Auto zu erreichen ein umzäunter und beleuchteter Fußballplatz und überdimensionierte Spielplätze. Noch nie haben wir in Saudi-Arabien Kinder auf diesen vielen in der Wüste gelegenen Spielplätzen gesehen, das gibt uns schon Rätsel auf. Kommt man nur am Abend?

Interessant ist auch, dass hier im Nordwesten/Westen von Riad nicht nur die Straßen besser sind, sondern auch andere Autos unterwegs sind. Man sieht wieder viele Toyota Trucks und auch die großen weißen SUVs.
Guide Oleg ist vorausgefahren, um einen Übernachtungsplatz für uns zu finden. Im Laufe des Nachmittags kommen dann die Koordinaten per WhatsApp. Der Platz ist in einem winzigen Örtchen auf halber Strecke nach Al Ula. Sehr schön hinter einer Art Baracke gelegen, mit Blick auf Kamele und flache Tafelberge. Mit einer Mitreisenden laufe ich zu den Kamelen. Anders als im Oman sind die hier schwarz oder weiß. Die Kamele werden gerade gefüttert und wir treffen einen freundlichen jungen Mann. Englisch kann er nicht, aber er zeigt uns das Zelt, wo er schläft, den Kamelhengst und die verschiedenen Stuten und ihre Fohlen. Er ist aus dem Sudan und verbringt seine Tage und Nächte ganz alleine mit den Kamelen.

Heute sind wir alleine, nämlich mit den beiden saudischen Alis. Oleg hatte eine Autopanne und sein Wohnmobil wurde nach Tabuk abtransportiert, Guide Alex ist im anderen Mobil vorausgefahren, um in Al Ula alles für uns klar zu machen. Die beiden Alis lassen es ruhig angehen, lagern malerisch auf einem Teppich vor ihrem Wohnmobil und schüren einen Meter neben der Eingangstür ein Feuerchen, um Tee zu kochen.

Tag 114 (5.3.2019)

Wir sitzen gerade beim Frühstück, da kommt eine WhatsApp, dass wir alle zum Frühstück beim Besitzer des Landes eingeladen sind, auf dem wir stehen. Also die Abaya übergeworfen und einen Klappstuhl für Peter gepackt und los geht es. In dem, was wir für eine Baracke gehalten haben, befindet sich das Haus des Landbesitzers, dem auch die Kamele gehören, die wir gestern besichtigt haben. Unmittelbar vor dem Hofeingang das übliche Chaos: Plastikflaschen, alte Metall Kleiderbügel, diverser Bauschutt. Im Hof ein Beduinenzelt und der Eingang in den Männerempfangsraum. Dort erwarten uns der Hausherr und eine Auswahl seiner erwachsenen Söhne. Am Boden auf einem langen Plastiktischtuch diverse Obstschalen, Tabletts mit Gebäck, Saftflaschen, Süßigkeiten und vieles mehr. An der Wand ein riesiger Stammbaum der Familie. Auffällig sind die neuesten Triebe: 7 bis 9 Söhne sind normal, die Zahl der Töchter ungewiss. Ehefrauen sind auf dem Stammbaum nicht verzeichnet, nur Väter und Söhne.

Tee und Kaffeeküche

Alle werden mit Handschlag begrüßt, von den Söhnen werden vor unseren Augen gekochter Tee, arabischer Kaffee und Datteln gereicht. Als Attraktion gibt es dann im Hof noch ein gesatteltes Kamel, auf das die, die das gerne möchten, aufsteigen können. Ich verzichte dankend, ein Invalider in der Familie reicht. Ein Kamel das aufsteht, ist nämlich äußerst unkomfortabel für den Reiter! Hier sehen wir auch unseren Kameltreiber aus dem Sudan von gestern wieder!

Nachdem wir uns alle gelabt haben (das Essen hätte noch für weitere 30 Leute gereicht) übersetzt Ali unseren Dank und wir verabschieden uns alle wieder per Handschlag. Offenbar werden westliche Frauen der Einfachheit halber als Männer angesehen. Die Zahl der Frauen, die wir außerhalb Riads gesehen haben, lässt sich fast an einer Hand abzählen: überall in der Öffentlichkeit nur Männer. Eine Frau, natürlich verschleiert und ganz in Schwarz ist hier auf dem Land ein ungewöhnlicher Anblick.
Bei Annäherung an den Ort Al Ula wird die Landschaft spektakulär schön: Rote vom Wind erodierte Sandsteinfelsen mit tiefen Schluchten.

Unser Stellplatz liegt am Sahary Resort außerhalb von Al Ula und ist nur über eine 3 km lange Piste zu erreichen. Das Resort liegt mitten zwischen den Felsen in einer sandigen Kuhle und ist im Beduinenstil gehalten. Das bedeutet, dass alle Gebäude nur einstöckig sind und mit dem Stoff verkleidet sind, aus dem die Zelte traditionell sind, nämlich einem grauen Wollstoff mit schwarzen Streifen.
Hier gibt es auch ein kleines Schwimmbad, einen Fitnessraum und Duschen. Das Schwimmbad ist wie vieles hier im Land nur 75% fertig und das Wasser nur 16° warm. Dabei knallt die Sonne aufs Dach und mit Sonnenkollektoren könnte man das Problem lösen. Der Anblick der Fliesen würde jedem deutschen Fliesenleger die Tränen in die Augen treiben. Um die Wasseranschlüsse einfach alles grob weggehauen und die Neigung des Bodens so, dass alles Wasser aus den Duschen zuerst an den Türstock und dann in den Gang läuft. Während unseres gesamten Aufenthaltes liegen die gleichen zerknüllten Badetücher im Hof und die Essensreste an der ansonsten wirklich schönen Feuerstelle. Das entspricht dem Bild, das wir unterwegs gewonnen haben und ist vielleicht Folge einer Beduinen Mentalität. Dabei hat das Resort vier Sterne, ist nicht billig und könnte sensationell schön sein.
Da Peter immer noch lädiert ist, laufe ich alleine in einen der Canyons hinein, was ein wunderbares Erlebnis ist.

Am Abend sitzen wir draußen vor Balu und genießen den Blick auf die beleuchteten Felsen. Hinter uns die Oryx Gazellen (sehr gut genährt) in ihrem Gehege.

Tag 115 (6.3.2019)

Peter entschließt sich, am Ausflug nach Hegra oder Mada`in Salih (Grabstelle der Nabatäer, Weltkulturerbe) nicht teilzunehmen, was jammerschade, aber sicher für seinen Rücken besser ist. Ich fahre in einem anderen Mobil nach Al Ula zum Startpunkt der Shuttle Busse mit. Auffällig ist, wie viele Frauen man plötzlich sieht, alle in offizieller Mission z.B. bei der Kontrolle der Eintrittskarten, an der Sicherheitskontrolle etc. Der Bus fährt vom Parkplatz in Al Ula nach Hegra und lädt uns am alten Bahnhof der Hedschasbahn ab, der als Besucherzentrum verwendet wird. Die Hedschasbahn führte von Damaskus über Amman bis nach Syrien. Sie wurde im osmanischen Reich erbaut und von einem deutschen Ingenieur geplant. Das kann man an den Bahnhöfen deutlich erkennen, sie sind aus behauenen Steinen gebaut, haben ein Satteldach und sehen aus wie Gebäude bei uns zuhause.

Heute sind sie renoviert und innen modernisiert (und zwar diesmal perfekt und sehr schön) und werden als Besucherzentrum genutzt. Als erstes bekommt man arabischen Kaffee aus den typisch arabischen Schnabelkannen gereicht und zwar von elegant traditionell gekleideten Herren Kaffee gereicht, es folgt leckerer Ingwertee und Datteln.

Dazu gibt es an den Wänden einige schöne große Fotografien zu sehen. Erst als alle so begrüßt wurden, geht es zu einem anderen Bus, der in die Grabanlage fährt und uns an verschiedenen Gräbern aussteigen lässt. Es gibt jeweils eine kurze Erklärung und dann kann man ganz in Ruhe herumlaufen und sich alles anschauen.

An jedem Grab steht eine verschleierte Dame und passt auf, dass man nicht hineingeht. Während unseres Besuches kommt Wind auf und beginnt, Sand durch die Gegend zu wehen. Da macht die Verschleierung der Damen richtig Sinn, sowohl als Sonnenschutz, als auch als Schutz gegen den Sand. Dazu dient im Übrigen auch das traditionelle Kopftuch der Herren. Also eigentlich eine der harschen Umgebung angepasste Bekleidung.
Beim Besuch auf der Frauentoilette treffen wir eine der hier beschäftigten Damen (jung, schickes Augen Make up), die gerade ihr Kopftuch neu bindet und uns sehr freundlich zeigt, wie sie das macht. Als letztes kommt dann der Gesichtsschleier obendrüber. Sie sagt, dass sie den als Sonnenschutz unbedingt brauchen würde.

Die mehr als 100 Gräber liegen in einer malerischen Felsgruppe, die sich inmitten eines weiten Tales erhebt und sind wirklich sehenswert.

Hegra ist verwandt mit Petra und war eine Handelsmetropole der Nabatäer auf dem Weg nach Petra und lag an der Weihrauchstraße.
Auf dem Rückweg zu unserem Resort wird der Sandsturm immer schlimmer. Nachfolgende Mobile berichten, die hätten nur noch wenige Meter weit gesehen. Auch im Resort weht der Sand, so dass Peter alle Fenster und Türen verschlossen hat. Wir ziehen uns ins Cafe zurück und später in den Billardraum. Dort sitzen auch drei verschleierte junge Saudi Mädchen, zwei spielen mit ihren Handys herum, eine liest im Koran.
Abends gehen wir essen und der Sandsturm flaut endlich ab. Nach uns trifft eine große Gruppe junger Frauen mit dem Bus ein, begleitet von zwei älteren Damen, eine davon eine resolute westliche Frau in Abaya. Wir tippen auf Ausflug eines Frauen College. Interessant ist, dass nur einige der jungen Frauen vollverschleiert sind oder die Haare bedecken, andere dagegen ihre Abayas offen zu engen Hosen tragen und die Haare ganz frei sind. Hier ist offensichtlich wirklich einiges im Umbruch.

Felsen hinter Balu

Tag 116 (7.3.2019)

Nach einem Frühstück mit Blick auf die schönen Felsen geht es los Richtung rotes Meer 300 km durch tolle Wüstenlandschaften. Wir haben uns die letzten Tage in 800 m Höhe aufgehalten, so dass es auch gewaltig abwärts geht. Die Straßen, die wir heute fahren sind alles Nebenstrecken, aber gut in Schuss.

Die Besiedelung ist extrem dünn (mehr Kamele als Menschen), der Verkehr gleich Null, wer hier in der Einöde lebt, ist sicher an Einsamkeit gewöhnt. Als ich einige der wenigen trostlosen Örtchen unterwegs fotografiere, hält ein Toyota Pickup neben uns und will wissen, wo wir herkommen. Der Vater sitzt auf dem Beifahrersitz, der jugendliche Sohn (14?) fährt, hinten die verschleierte Mutter mit vier Kindern. Alle winken, der Vater reckt den Daumen hoch.

Typischer Ort unterwegs
Gestaltung des Ortseingangs
Eine der vielen verlassenen Tankstellen

Endlich erreichen wir das rote Meer! Wir stehen so, dass es ca. 2 m vor unserer Tür liegt.

Heute treffen wir auch den neuen Guide Arthur, der Oleg ersetzt, der nach Hause zurück fliegt, um eine neue Reise vorzubereiten (Südkorea). Arthur war die letzten Wochen in Jordanien, um alles vorzubereiten. Er bringt die gute Nachricht mit, dass wir nach Jordanien einreisen können und wahrscheinlich (Stand heute) auch nach Israel, das ja nun für Touristen, die direkt aus Deutschland kommen, gesperrt ist. Saudi-Arabien hat übrigens seine Grenzen wenige Tage nach unserer Einreise geschlossen. Da haben wir wahnsinnig viel Glück gehabt.
Als wir abends draußen sitzen, braust ein Polizei Jeep heran und fragt, ob wir arabisch sprechen. Wir verweisen auf das Wohnmobil der beiden Alis. Die berichten am nächsten Tag, dass die Polizei nur wissen wollte, woher wir kommen, den Platz für gut befunden hat und fragten, ob wir Bewachung brauchen würden.

Tag 117 (8.3.2019)

Der Badespaß muss leider verschoben werden, denn das rote Meer ist hier bis zum Riff so seicht, dass es einem nur bis zu den Knien geht. Gemütlich brechen wir auf, um bis um 12:00 an der nächsten Attraktion zu sein, wieder eine Grabstelle der Nabatäer, älter als Hegra, aber deutlich einfacher. Die beiden Alis erwarten uns dort, trinken schon wieder Tee, neben sich den Karton mit Feuerholz und auf dem Tisch eine Pflanze mit Blüten aus dem Resort. Man macht es sich schön! Der ältere Ali tritt heute mit Spazierstock an. Gestern hat er uns erklärt, dass der keine Notwendigkeit, sondern nur ein Accessoire sei, genauso wie Schmuck bei einer Frau.
Da der neue Übernachtungsplatz noch nicht feststeht, machen wir noch einen Abstecher an die Küste zur Mündung eines Wadis, das besonders schön sein soll. Ist es auch, nur steht davor ein Militär- oder Polizeiauto und schickt uns sofort weg. „one minute only“. Es reicht für ein paar Fotos.

Sinai im Hintergrund

Überhaupt ist eine hohe Polizeipräsenz festzustellen, viele Checkpoints, bei denen sich aber niemand für uns Ausländer interessiert. Heute Morgen haben wir von dem Vorgehen des Prinzen gegen seine angeblich einen Putsch planenden Verwandten gelesen. Laut Ali sei der Prinz in seinem Palast hier in der Gegend und deswegen die viele Polizei.
Um zu unserem Übernachtungsort 30 km vor der jordanischen Grenze zu kommen, müssen wir nochmal einen Gebirgszug überqueren, der Pass liegt bei über 1000 m und die Landschaft ist wieder toll. Wir stehen dann auf einem Plateau über dem Meer und sehen gegenüber zum Greifen nahe die Lichter Ägyptens auf der Sinai Halbinsel.
Heute ist unser letzter Tag in Saudi-Arabien, morgen geht es nach Jordanien. Unsere Erfahrungen hier waren gut und wir haben uns nie unsicher oder angefeindet gefühlt. Die Menschen sind zurückhaltender als im Oman, aber freundlich und interessiert. Man hat nicht das Gefühl, dass sie gegen den Tourismus sind und sich abschotten wollen. Das Thema der Stellung der Frauen ist für uns überhaupt nicht zu beurteilen, aber der Eindruck ist, dass sich hier gerade sehr viel zu ändern scheint. Sicherlich ein Land im Umbruch!

Tag 118 (9.3.2019)

Während wir an der jordanischen Grenze auf die Einreise warten, kommen bei uns allen Mails der Reederei Grimaldi an, dass alle Schiffspassagen storniert werden und Umbuchungen erst für Anfang Mai vorgenommen werden können. Diese Hiobsbotschaft wird noch dadurch verstärkt, dass hinter uns die saudische Grenze geschlossen wurde und wir die letzten sind, die vorerst ausreisen. Guide Arthur ist skeptisch, ob wir überhaupt noch nach Israel kommen. Wir müssen uns also einen Plan B überlegen. Drückt uns die Daumen.

6 Gedanken zu „Saudi Arabien, ein Land im Umbruch

  1. … ach übrigens: während eurer Abwesenheit haben Maulwürfe die Erde unter eurem Rasen besiedelt und die Oberfläche teilweise neu gestaltet. Eine Empfehlung, wie wir damit immer umgehen: wir räumen einfach die aufgeworfenen Hügel weg – und lassen den Tieren ihre Ruhe. 😉 So sind wir in den letzten 10 Jahre ganz gut miteinander ausgekommen.

    MFG
    Wolfgang

    1. Mit einem automatischen Rasenmäher lässt sich das nicht machen. Ein Haufen im Weg und die Messer sind stumpf. Ich werde also nach meiner Rückkehr nicht so wohlwollend mit dem Tier auskommen.

  2. Hallo ihr Reiseschriftsteller, eure Berichte sind so anschaulich, dass man – gefühlt – mit euch fährt.
    Weiterhin wünsche ich euch ein gutes Fortkommen, sogar im doppelten Sinn.
    Hoffentlich sind Peters Voltarenvorräte noch nicht aufgebraucht.
    Wann wollt ihr nach Pan wieder die Imkerei aufnehmen, der Honig geht zu Ende.
    Viele Grüße und gutes Gelingen
    Gerd

  3. Ich habe alle Eure tollen Berichte gelesen und bin gedanklich immer mitgefahren, da ich alle Orte bereits bereist habe. Ich drücke Euch immer alle Daumen dass alles gut geht. Ihr habt alle Schwierigkeiten mit Pravour gemeistert und werdet auch die Passage nach Hause hinkriegen, da bin ich mir sicher. Es gibt immer einen Weg.
    Ich wünsche Euch viel Glück und alles Gute, Norbert

  4. Wir drücken auch – verrückte Situation, ihr seid wahrscheinlich die Deutschen, die mit allergrößter Wahrscheinlichkeit “clean” sind …

  5. Ihr Lieben,
    Eure Berichte sind spanndender als Krimis. Ich drücke die Daumen für eine gute Weiterreise!
    Alles Liebe
    Chrisi

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