Durch Nordmazedonien und Albanien nach Griechenland

Am Morgen des 29.9.2021 brechen wir nach einer etwas unruhigen Nacht Richtung Ohridsee auf. Unruhig ist die Nacht, weil wir direkt am Fluss stehen, der 3 m von unserem Bett entfernt durch einen Engpass mit mehreren Stromschnellen rauscht. Außerdem regnet es heftig die gesamte Nacht hindurch!

Wir fahren wieder zurück zur Autobahn, dem „Mother Theresa Highway“, der von Skopje (wo sie geboren ist) Richtung Westen führt. Trotz des Namens sieht man rechts und links der Autobahn nur Orte mit Moscheen mit ziemlich überdimensionierten Minaretten.

Ein kleiner Ort mit großer Moschee

Offensichtlich ist dieses Tal muslimisch, wahrscheinlich auch wegen der Nähe zum Kosovo, an dessen Grenze wir entlangfahren. Tetovo wiederum ist das Zentrum der muslimischen mazedonischen Albaner, hier gibt es sogar eine albanisch sprachige Universität.

In Gostivar biegen wir ab und es geht hoch in die Berge Richtung Ohridsee. Die Gegend ist dicht bewaldet mit großen Laubbäumen, die sich zum Teil schon herbstlich rot färben. Wir kommen durch einige wenige kleine Orte und durch eine mittlere Stadt Kicevo, die fürchterlich ärmlich und sozialistisch wirkt. In den meisten Dörfern sind große albanische Fahnen zu sehen (obwohl wir in Mazedonien sind) und die Ortsschilder sind dreisprachig beschriftet: kyrillisch, lateinisch und albanisch. Damit ist klar: hier markieren die muslimischen mazedonischen Albaner ihr Revier. Ein oder zwei Dörfer sind christlich, die zeigen das mit Hilfe völlig überdimensionierter Kreuze!

Die Straße wird immer schlechter, je näher wir dem Ohridsee kommen. Es ist wirklich kein Vergnügen mehr, diesen völlig verformten Asphalt zu befahren. Balu und wir werden nur so gerüttelt und geschüttelt. Immer neben uns eine neue Fahrspur für eine Schnellstraße, die aber bereits so überwachsen ist, dass klar ist, dass da schon lange nicht mehr daran gearbeitet wurde. Unterwegs passieren wir zwei große Betriebe mit einem Logo in Form eines Marihuana Blattes, gesichert mit hohem Zaun und Stacheldraht. Wir googeln den Firmennamen und tatsächlich: in Nordmazedonien darf man mit Genehmigung des Gesundheitsministeriums Marihuana für medizinische Zecke anbauen. Vielleicht verhilft das der Gegend zu Wohlstand!

Unser Campingplatz liegt am Westufer des Ohridsees in der Nähe der Stadt Struga. Struga ist eine Kleinstadt, in der das Leben brodelt. Wir fahren zuerst zwischen vielen kleinen Geschäften hindurch, es gibt sogar eine Fußgängerzone und eine Strandpromenade. Letztere bereits im Modus Nachsaison, d.h. geschlossene Cafés und Hotels. Der Campingplatz liegt außerhalb am Rand eines kleinen Dorfes sehr hübsch direkt am Wasser. Unser Platz ist traumhaft, Balus Schnauze ist 5 m vom Wasser entfernt und unser Campingtisch steht direkt am Ufer. Leider ist das Wasser ziemlich kalt und die Luft auch, so dass man keine Lust zum Baden hat. Es gibt ungeheuer viele Blesshühner, Gänse und Kormorane.

Mittagsimbiss am Ohridsee
Wie kam Meike aus Hamburg an den Ohridsee?

Wir machen einen kleinen Spaziergang an der Uferstraße entlang. Im Dorf findet man in der besten Lage direkt am See sehr renovierungsbedürftige, einfache Häuser, weiter hinten im Ort aber auch neue, große Häuser und eine sehr schicke, ebenfalls neue Moschee. Am Ortsausgang dann eine kleine Kirche (verschlossen) und noch ein Stück weiter hinten ein großes Hotel, gebaut im osmanischen Stil. Seine Lage ist toll und das Gebäude ist auch schön anzuschauen, aber sichtlich renovierungsbedürftig. Das Hotel ist jetzt in der Nachsaison geschlossen, ebenso wie die Strandbars am Ufer. Die sehen aus, als wären sie fluchtartig verlassen worden, denn die Sitzpolster und Getränkekästen liegen noch herum. Sicher nicht erst seit gestern, denn alles ist schon durchfeuchtet und voller Stockflecken.  Dann wieder ein Szenenwechsel: eine Mauer mit Tor und dahinter ein orthodoxes Kloster. Der Park und die Ufermauer davor sind picobello gepflegt, der Wohnbereich und die Kirche ebenso und aus einem Lautsprecher tönen wunderbare byzantinische Mönchsgesänge.

Ein Video des Klosters am Ohridsee / Mönchsgesänge gibt es HIER

Wir sitzen eine Weile auf einer Bank unter einer laut Plakette 870 jährigen Platane und schauen auf das blaue Wasser des Sees. In der Kirche liest eine Nonne aus der Bibel und ein Priester klingelt mit Glöckchen. Die zum Kloster gehörende Felsenkapelle aus dem 14. Jahrhundert ist leider geschlossen. Ein sehr stimmungsvoller Ort und das nur durch eine Mauer von einem Hotel getrennt.

Bei Sonnenuntergang hören wir die Muezzine aus Struga und unserem kleinen Ort singen, später läuten die Kirchenglocken im Kloster und nachts können wir vom Bett aus über den See hinweg die Lichter von Ohrid sehen. Im Dunkeln schwimmt eine Gruppe von Schwänen vorbei!

Am 30.9. werden wir mit einem kleinen Bus zur Stadtbesichtigung von Ohrid abgeholt. Trotz schlechten Wetterberichtes scheint die Sonne und der Ohridsee ist tiefblau. Wir beginnen auf dem Berg nahe der Festung und besichtigen zuerst das griechische Amphitheater aus der Zeit um 200 v.Chr.. Hier soll schon Placido Domingo aufgetreten sein. Im Prinzip ein toller Ort, aber vielleicht nicht ganz der Standard bezüglich des Zustandes der Bühne und deren Überdachung, den er sonst gewohnt ist.

Hier benötigt man keine Übersetzung

Unser Führer ist Master of Law, arbeitet aber als Stadtführer und organisiert auch Festivals. Es gibt in Ohrid jedes Jahr ein großes internationales Folklore Festival, für das er immer Teilnehmer sucht. Wenn einer von uns in so einer Gruppe wäre, sollten wir doch unbedingt Bescheid sagen und wären herzlich eingeladen. Leider ist niemand aus unserer Gruppe folkloremäßig ambitioniert.

Ansonsten hält er sich mit politischen Äußerungen nicht zurück. Das ist einerseits interessant, andererseits aber auch ein bisschen zu viel, weil seine Meinung für uns extrem klingt. Den Glanz Mazedoniens führt er direkt auf Alexander den Großen zurück und da kann die Situation des heutigen Mazedoniens nicht mithalten. Ansonsten sind für ihn sind alle die Bösen: die Griechen, weil sie Mazedonien zu einer Umbenennung in Nordmazedonien gezwungen haben, die Amerikaner, weil sie die Albaner unterstützen würden, die EU wegen der Griechen und ihres Einflusses auf den Beitrittskandidaten Nordmazedonien, die mazedonischen Albaner, weil diese Volksgruppe immer mehr Einfluss in Nordmazedonien gewinnen würde, die eigene Regierung weil sie Wahlfälschung betreiben würde usw. Wenn man das hört und an die albanischen Fahnen und die überdimensionierten Kreuze in den Orten auf dem Hinweg denkt, ergibt das schon den Eindruck eines schwelenden Konflikts im Land. Dazu kommt, dass der Entwicklungsindex (Platz 82, weltweit) sogar noch schlechter ist als der in Serbien (Platz 64).  Nordmazedonien hat eine der schlechtesten Volkswirtschaften Europas und die Arbeitslosigkeit ist sehr hoch.

Aber Ohrid ist wirklich schön, weil hier das Ortsbild durch Häuser im osmanischen Stil geprägt wird und nicht durch den Einheitsbrei, der im ehemaligen Jugoslawien üblich war. Man gibt sich Mühe, selbst die Straßenlaternen haben die Form von Häusern im osmanischen Stil.

Straßenlaterne in Form eines osmanischen Hauses (rechts oben)
Zurücklehnen möchte man sich da nicht unbedingt!

Oben auf dem Festungsberg gibt es eine Ausgrabungsstätte mit römischen Mosaiken und die Kirche St. Kliment und Panteleon, in der die Reliquien des heiligen Kliment zu finden sind. Hier stand vorher ein mittelalterliches Kloster, bis der dortige Erzbischof von den Osmanen deportiert und die Anlage zerstört wurde. Der mazedonische Staat hat die Kirche ab 2000 neu errichtet nach dem Vorbild anderer Bauten in der Region. Von außen ist die Kirche sehr schön, innen merkt man, dass sie neu ist.

St. Kliment

Dann geht es durch malerische Gassen den Berg hinunter zur Kirche des Heiligen Johannes von Kaneo, Sie liegt überaus malerisch auf einem Vorsprung über dem See. Der zeigt sich bei Sonne von seiner besten Seite: klar und türkis und dunkelblau.

Ein Foto welches es wegen Fotografierverbotes nicht geben dürfte

Dann geht es noch weiter hinunter auf Seeniveau. Hier kann man über breite Holzstege am Steilufer entlang zum Ort laufen.

Renovierte Häuser im osmanischen Stil

Durch enge Gassen erreichen wir die nächste Kirche: die Sophienkirche. Sie steht mitten in der Stadt und wurde im 11. JH gebaut. In der osmanischen Zeit wurde sie als Moschee genutzt, die Fresken waren übertüncht, was sie ungewollt über die Jahrhunderte rettete. Heute ist sie wieder eine Kirche und die Fresken freigelegt. Innen findet gerade eine Taufe statt. Wir dürfen trotzdem in die Kirche, sie ist auch so groß, dass man sich gut im Hintergrund halten kann. Es ist schön, die Zeremonie beobachten zu können, inklusive der anschließenden Gruppenbilder mit Familie, Täufling und Pope. Im Vergleich zu den orthodoxen Kirchen, die wir bislang gesehen haben ist diese Kirche ungewöhnlich groß und hell. Davor gibt es einen Kreuzgang und eine schöne, sehr gepflegte Parkanlage. Angeblich gibt es in Ohrid 356 Kirchen, für jeden Tag des Jahres eine.

Bevor wir mit dem Bus 30 km zum Kloster Sveti Naum fahren, machen wir eine Mittagspause im neuen Ortzentrum am See.

Ein Hausschmuck der besonderen Art
Das schlechte Wetter nähert sich

Kaum steigen wir in den Bus, beginnt es zu regnen! Es geht auf einer kleinen kurvigen Straße entlang des Ostufers durch mehrere kleine Ortschaften. Es gibt anfänglich noch einige größere Hotels und Apartmentgebäude, dann aber wird es sehr ländlich. Unterwegs halten wir noch an einem Museum samt nachempfundenen Pfahlbauten, das zeigt, wie die Menschen in der Bronzezeit hier gelebt haben.

Nicht die Pfahlbauten von Unteruhldingen am Bodensee sondern am Ohridsee

Sveti Naum zeichnet sich durch einen großen Parkplatz aus, dahinter eine Art Park mit vielen jetzt Großteils geschlossenen Verkaufsbuden. Man kann sich vorstellen, was in der Saison hier los ist. An der Karstquelle, die einen recht großen Fluss bildet, gibt es zwei sehr schöne Lokale am Wasser, in denen man Forellen essen kann. Eigentlich war hier eine Einkehr geplant, darauf verzichten wir aber angesichts der nahenden Dunkelheit und der tief schwarzen Unwetterwolken. Wir wollen keinesfalls in unserem alten Bus bei Dunkelheit diese enge, kurvige Straße immer am Rand des Abgrundes zurückfahren! Diese Entscheidung stellt sich als sehr gut heraus, denn erstens ist das Dach des Busses nicht dicht und zweitens funktionieren weder die Lüftung noch die Scheinwerfer effektiv, so dass der Fahrer sehr schlechte Sicht hat.

Die Lage des Klosters und die kleine Kirche selbst sind einmalig. In der Kirche befindet sich das Grab des heiligen Naum und sie besitzt wunderschöne Fresken und Ikonen. Eine sehr mystische Stimmung und die Berührung der Ikone vermittelt Ulrike tatsächlich etwas wundersames. Da ist es kein Wunder, dass wir nach diesem langen Tag gut wieder „zuhause“, also bei Balu ankommen. Der bei einem bärtigen, gut gelaunten Mönch gekaufte Schlüsselanhänger des heiligen Naum hat sicher auch seinen Teil beigetragen.

Im Vordergrund die Ikone des Heiligen Naum

Am 1.10. gehen wir noch schnell in Struga einkaufen. Die Supermärkte sind weder in Serbien noch in Mazedonien überzeugend. So ist frische Milch nicht erhältlich, dafür Joghurt und H-Milch in allen Varianten. Obst und Gemüse kauft man besser entlang der Straße, im Supermarkt ist das immer alt. Der Einkauf revidiert den bislang guten Eindruck der hiesigen COVID Maßnahmen. Anders als bisher in Nordmazedonien beobachtet, trägt hier niemand mehr eine Maske!

Beim Tanken wundern wir uns über die massiven Holzkeile zwischen den Zapfsäulen. Dann kommen zwei albanische Fahrzeuge und nun wird klar, wozu sie dienen. Der Sprit in Albanien ist teurer als hier und wenn man schon zum Tanken über die Grenze fährt, dann will man den Tank auch ordentlich voll haben. Dazu fährt man einseitig auf so einen Keil und rüttelt während des Tankens immer am Fahrzeug, so dass auch die letzte Luft entweichen kann!

An der albanischen Grenze oben in den Bergen wird dann wieder unser Impfnachweis verlangt, für PKWs geht der Grenzübertritt aber schnell. Im ersten Dorf das wir passieren, stehen überall Männer, die mit Wasserschläuchen winken, aus denen das Wasser über die Straße spritzt. Anscheinend wird erwartet, dass man als erstes sein Auto waschen lässt. Der Eindruck, dass man hier viel und gerne Autos wäscht, setzt sich aber fort. Überall, selbst im kleinsten Dorf wird „Lavazho“ angeboten, selbst auf unserem nächsten Campingplatz gibt es einen separaten Waschplatz für Autos.

Wir fahren ein schönes Bergtal hinunter in Richtung Elbasan. Die Straße ist eng und kurvig und von vielen LKWs befahren und in entsprechend schlechtem Zustand. Überholen ist unmöglich und wir hängen gefühlt ewig hinter einem Fahrschulauto und einem LKW und kommen kaum vorwärts. In Elbasan dann ein großer Stau an einer Kreuzung, an der ein hyperaktiver Polizist mit viel Pfeifen und hektischem Winken den Verkehr regelt. Auf der linken Straßenseite ein Markt mit gebrauchten Schuhen, Kleidern, Fahrrädern etc., rechts desolate Wohnblocks aus der sozialistischen Zeit Albaniens, aber auch viele gut besuchte Cafés.

Wir sind heilfroh, dass wir diesem Trubel wieder entfliehen können. Ab Elbosan fahren wir Nebenstrecken, über deren Zustand niemand aus der Gruppe etwas weiß. Zuerst ist die Straße super, besser als auf der Hauptstrecke und fast kein Verkehr. Sie führt durch eine hügelige, toskanisch anmutende Landschaft mit vielen gepflegten Olivenbäumen und intensiver Landwirtschaft und Dörfern mit neuen, schönen Häusern. In einem dieser Dörfer ändert sich der Zustand der Straße abrupt. Sie wird einspurig mit Ausweichen und man kann sie nur mit gutem Willen noch als geteert bezeichnen.

Die bessere Fahrzeugwahl für diese Straßen

Wir arbeiten uns die Hügel hinauf und hinunter, an mehreren Stellen ist ein Teil der Straße bereits in die Tiefe abgerutscht. Wir vertrauen darauf, dass uns die Straße wieder in die Zivilisation führen wird. Und das ist im Ort Kucove dann auch tatsächlich der Fall.

Reste der Ölförderanlagen bei Kukove.

Kucove war das Zentrum der Ölförderung in Albanien und ist die einzige sozialistische Stadtgründung in Albanien aus dem Jahr 1951, damals benannt als Stalinstadt. Dies als Zeichen der Dankbarkeit gegenüber der Sowjetunion, die half, die Ölförderung in der Gegend auszubauen. 1961 hat sich Albanien mit der Sowjetunion überworfen und China übernahm die Rolle als Förderer Albaniens. Entsprechend sieht es in Kukove aus: zerfallende Wohnblocks und Fabrikanlagen. Wir aber sind froh, wieder auf einer gescheiten Straße und nahe unserem Ziel, der Stadt Berat zu sein. Berat ist wegen seines Stadtbildes im osmanischen Stil auf der UNESCO Liste Weltkulturerbe. Um 16:30 soll dort unsere Stadtführung beginnen und wir sind daher etwas unter Zeitdruck.

Vom Campingplatz, der etwas außerhalb am Fluss Osum liegt, sollen uns mehrere Taxis abholen und in die Stadt bringen. Das klappt leider aufgrund mangelnder Englischkenntnisse des Campingplatzbesitzers nicht so ganz. Er hat offensichtlich keine richtigen Taxis, sondern irgendwelche Kumpels beauftragt, die erst ziemlich verspätet mit drei alten Mercedes (einer linksgesteuert) auftauchen. So muss unser Stadtführer ziemlich lange auf uns warten.

Berat wird vom Fluss Osum in zwei Teile geteilt, auf der südlichen Seite das alte Stadtviertel Gorica mit der Kirche des hl. Spirion, auf der Nordseite das Stadtviertel Mangalem mit mehreren Moscheen, darüber der Berg mit der Festungsanlage, in der auch mehrere Kirchen und Moscheen zu finden sind. Die Häuser haben alle viele regelmäßig angeordnete Fenster, weswegen Berat auch Stadt der tausend Fenster heißt. Östlich der Altstadt liegt die Neustadt mit einer schön ausgebauten Fußgängerzone und einem Park entlang des Osum Flusses.

Berat, die Stadt der tausend Fenster
Suchbild: Wo ist der Hund?

Wir gehen eine steile Straße in Mangalem hoch zur Festung und drehen dort eine große Runde, die an einem Aussichtspunkt endet, von dem man einen wunderbaren Blick über die Altstadt, die Neustadt und die umliegenden Berge hat. Von denen sticht besonders der Tomorr ins Auge, ein riesiges Bergmassiv, dessen höchster Berg 2379 m hoch ist. Zum Tomorr haben die Albaner ein besonderes Verhältnis, er ist der Olymp Albaniens und ihr heiliger Berg.

Blick auf den Tomorr
Blick vom Aussichtspunkt auf die Neustadt mit ihrer neuen Promenade und die Dächer des alten Stadtteils Mangalem
Blick vom Aussichtspunkt auf den Stadtteil Gorica mit seiner Kirche
Eingangstor der Festung
Eine der vielen Kapellen innerhalb des Burgareals

Unser Führer betont die religiöse Toleranz, die in Albanien herrschen würde, auch dass Ehen zwischen den Konfessionen kein Problem seien. Wenn es wirklich so ist, wäre das ein Zukunftsmodell für die anderen Balkanländer. Als wir im Halbdunklen den Burgberg entlang gehen, tönt aus allen Moscheen der Ruf der Muezzins. Uns war bislang wirklich nicht bewusst, dass es im Balkan einen europäischen Islam gibt, der seit Jahrhunderten gelebt wird und der sich selbstverständlich als europäisch versteht.

Am Morgen des 2.10.21 geht es um 9:00 los mit dem Bus zum Osum Canyon. Der liegt 60 km von Berat entfernt, die Straße soll aber für Wohnmobile zu schmal sein. Wir brauchen auch tatsächlich 2 h für diese Distanz und es geht gefühlt 10.000 Kurven immer die Berge hinauf und hinunter. Landschaftlich überaus reizvoll, ein fruchtbares Tal zwischen hohen, teils bewaldeten Bergen. Es gibt zwei „größere“ Orte unterwegs: Polican, das bis in die 1990 er Jahre nicht von Ausländern betreten werden durfte, da hier eine große Fabrik war, die die Munition für die albanischen Kalaschnikows hergestellt hat. Die Fabrik steht als Ruine im Tal, der Ort am Hang besteht aus heruntergekommenen sozialistischen Wohnblocks, aber mit schönster Aussicht. Dies muss einmal eine blühende sozialistische Siedlung gewesen sein, heute wollen dort alle nur noch weg, weil es keinerlei Arbeit mehr gibt. Im letzten größeren Ort Corovode, im Reiseführer zu Recht als „trostlos“ bezeichnet, ist gerade Markt. Es gibt aber nur gebrauchte Kleidung und Schuhe im Angebot. Trotzdem ist der Ort voller Menschen, die den Markttag für einen abschließenden Café Besuch nutzen.

Den Canyon sehen wir von einer schönen, neuen Aussichtsplattform aus. Sie wurde mit Geldern aus der Erschließung der Pipeline gebaut, die Gas aus Aserbeidschan nach Europa bringt und die hier verläuft. Das ist interessant für uns, schließlich standen wir bereits am anderen Ende dieses Pipeline.

Wir sehen den Canyon aber nicht nur von oben, sondern werden auch hinabsteigen. Der Pfad beginnt an einem seltsamen Heiligtum: Ein Häuschen, gebaut über einem angeblichen Abdruck des Pegasus. Innen stehen überall abgebrannte Kerzen, einige brennen auch noch. Hinter der Hütte muss jemand gerade ein Lamm geschlachtet haben, der Boden ist voller Blut und das Fell hängt über der Mauer und die Eingeweide liegen dahinter. Der Führer spricht von vielen heidnischen Riten, die sich hier erhalten haben. Üblich ist auch, Kuscheltiere oder eine Art von Vogelscheuchen ans Haus zu hängen, um den bösen Blick abzuwehren. Das haben wir auch mehrfach auf der Fahrt beobachtet.

Soll gegen den bösen Blick helfen

Wir klettern hinunter in den Canyon, müssen den Fluss dann aber mehrfach überqueren. Dazu werden Badeschuhe ausgegeben, denn darauf waren wir mit unseren Wanderstiefeln nicht vorbereitet. Das Wasser ist eiskalt, schlammig und damit völlig undurchsichtig und reicht bis fast zu den Schenkeln. Man kann sich nur vortasten. Daher beschließen wir, vor der zweiten Überquerung Schluss zu machen und lieber hier auf die anderen zu warten. So hat man auch mehr Muße, den Canyon in sich aufzunehmen, als wenn man nur auf die Füße schaut, um im Kiesbett nicht zu stolpern. Peter lässt seine Drohne fliegen und macht schöne Aufnahmen.

Ein Video aus dem Canon findet man HIER

Ein sehr schönes Erlebnis! Dann geht es wieder hinauf zum Rand des Canyons und mit einem kurzen Zwischenstopp die 10.000 Kurven zurück zum Platz. Der Zwischenstopp ist an der Brücke Ura e Kasabashit aus der osmanischen Zeit (1640) nahe Corovode. Ein tolles Bauwerk, unglaublich steil im Anstieg. Man kann sich kaum vorstellen, dass das mit einem Karren zu bewältigen war.

Copyright Margrit Rudin

Abends essen wir sehr gut am Campingplatz, Huhn mit würzigen Reis, über dem Holzfeuer unter einer Glocke gekocht.

Am 3.10.21 verlassen wir die Berge und fahren an die Küste. Vorher machen wir beide noch einen Spaziergang durch das Magalem Viertel in Berat, schauen die neue Promenade am Osum an und kaufen noch Obst und Gemüse in einem kleinen Laden.

Wohnblock mit einem der allgegenwärtigen Mercedes’

Unterwegs besichtigen wir noch die Ausgrabungsstätte Apollonia, eine Gründung von Griechen aus Korinth aus dem 6. JH vor Christus. Muss man nicht gesehen haben, wenige Überreste und schlecht beschildert, so dass man wenig damit anfangen kann. Eine Familie spielt zwischen den Ruinen Federball.

Unsere Karawane in Apollonia

Wir fahren relativ schnell weiter, hier gibt es tatsächlich ein Stück neue Autobahn. Unser Navi kennt sie noch nicht und rastet völlig aus. Zwischen „bitte wenden“, die Geschwindigkeitsbeschränkung ist 20 km/h“ und „Schotterstraße“ kommt alles vor. Dann hat die Pracht ein Ende und unser Navi findet sich wieder zurecht! Wir fahren durch Vlore, einen Badeort mit neuer Promenade entlang des menschenleeren schönen Strandes. Alles neu und aufwändig gepflastert, mit Palmenallee auf der einen und frisch gepflanzten Pinien auf der Meerseite. Der Strand ist gesäumt von neuen Apartmentgebäuden und Hotels, alles wohl Investitionsobjekte. Wer hier wohl Apartments kauft? Etwas schwer zu erreichen die Gegend mit dem nächsten Flughafen in Tirana.

Unser Campingplatz liegt direkt an einem langen Kiesstrand und ist in der Nachsaison das einzige belebte Objekt in der Bucht. Die Strandbars sind bereits alle geschlossen. Nachdem wir so früh da sind, weil wir so schnell mit dem kulturellen Programm in Appollonia durch waren, können wir uns den schönsten Platz am Wasser aussuchen. So vergehen ein ruhiger Nachmittag und Abend. Auf das Waschen der Wäsche verzichten wir, da die Waschmaschine völlig verschimmelt ist. Schon haben wir mehr Zeit zum Schwimmen!

Am 4.10. gibt es kein Programm bis auf das Seabridge Essen am frühen Abend. Das findet in einem Strandlokal in der Nähe statt und ist das beste auf der gesamten Reise. Gegrilltes Gemüse und Octopus und Garnelen satt zur Vorspeise, Dorade als Hauptgang und dann noch Tiramisu, Kaffee und Raki.

Am 5.10. geht es über den Llogara Pass (1027 m) an die albanische Riviera bis nach Sarande. Eine landschaftlich überaus reizvolle Strecke mit spektakulären Ausblicken. Das beginnt mit der Auffahrt zum Pass. An Olivenhainen entlang geht es immer höher, es folgen Pinienwälder und oben am Pass ziehen die Wolken durch und man sieht in der Ferne Korfu liegen.

Sonnige Nordseite des Lagoda Passes
Blick auf Korfu (hinter den Wolken)
Wolkige Südseite der Passstraße
Landestypisches Ambiente an einem Aussichtspunkt

So spektakulär geht es weiter, eine tolle Bucht nach der anderen, aber wegen der vielen Kurven sehr zeitaufwändig zu fahren.

In Sarande wagen wir noch einen Abstecher ins Landesinnere zu einer Quelle namens „blue eye“. Die Straße ist laut Reiseführer gut ausgebaut, die Realität sieht aber anders aus.  Zudem ist der eigentliche Parkplatz an der Quelle gesperrt wegen Bauarbeiten und man muss 2 km über einen staubigen Fahrweg laufen. Die Quelle ist schön, aber den Umweg eigentlich nicht wert.

So kommen wir als eines der letzten Fahrzeuge in Butrint an. Das ist auch wieder ganz gut, denn zwischenzeitlich hat sich geklärt, wo wir stehen werden. Der ursprünglich geplante Parkplatz an der Ausgrabungsstätte ist nämlich belegt von einer Gruppe französischer Hippies. Aber unsere Gruppe findet Platz am Panoramaparkplatz mit Blick auf die Bucht von Butrint und das gegenüberliegende Korfu. Ein wunderschöner Platz, allerdings offensichtlich genutzt als nächtlicher Treffpunkt von jungen Leuten aus der Gegend, was die Nachtruhe kurzzeitig etwas unterbricht. Aber besser als die Musik der Hippies!

Blick vom Panoramaparkplatz auf die Seilfähre (links)
Blick auf Korfu

Am 6.10. besichtigen wir die Ausgrabungsstätte von Butrint. Ein Ort mit viel Stimmung, viele Ruinen in den Lorbeerwäldern und überall ein Blumenduft, den wir keiner Quelle zuordnen können. Immer wieder Ausblicke aufs Wasser. Ein perfekter Ort für eine Stadt. Unser Führer ist ein ehemaliger Kompanieführer der albanischen Armee und war mehrfach zur Ausbildung in Deutschland. Wegen seiner Exkurse in seine militärische Vergangenheit zieht sich die Führung 3 h hin. Aber auch wieder interessant zu hören, wie sie in der sozialistischen Zeit mit 5 Kalaschnikows den Klassenfeind an der griechischen Grenze niederstrecken wollten.

Der nächste Programmpunkt ist das Übersetzen mit der Seilfähre, die einen Umweg von vielen km und vielen, vielen Kurven erspart. Sie stammt aus der sozialistischen Zeit und mutet an, wie aus Altmetall zusammengesetzt, tut aber immer noch ihren Dienst. Auslaufende Boots müssen sich allerdings zwischen den Seilen durchmogeln.

Gut geschmiert läuft besser. Ob das auch für die Umwelt gut ist?

Ein Video zu der Fährfahrt gibt es HIER

Albanien hat uns sehr gut gefallen! Die Straßen sind bei weitem nicht so schlecht wie angekündigt. Hier muss sich in den letzten Jahren viel verbessert haben. Sehr auffällig im Verkehr ist die für uns ungewohnt große Präsenz der Polizei. Es gibt sehr viele Straßenkontrollen bei denen es nicht um Geschwindigkeit geht, sondern offensichtlich nur Fahrzeugpapiere kontrolliert werden. An der Autobahn gibt es sogar ausgewiesene Kontrollstellen. Für uns Ausländer hat sich die Polizei grundsätzlich nicht interessiert. Auffällig ist außerdem die große Menge an Mercedes Fahrzeugen, die hier unterwegs sind, ebenso, dass alle Autos nicht allzu alt oder zumindest sehr gepflegt erscheinen.

Die griechische Grenze ist schnell passiert, einige Reisegenossen müssen trotz Impfung einen Test machen, wir aber nicht. Endlich sind wir das SIM Karten Problem los weil wir wieder in der EU sind. Die Autobahn führt uns zügig von Igoumenitsa zur Ausfahrt zu den Meteora Klöstern. Unterwegs trinken wir in einem winzigen Dorf sehr nett einen Kaffee. Der Besitzer spricht gut deutsch und erzählt, dass er lange in Offenbach gearbeitet hat. Die Strecke zwischen der Autobahnausfahrt und Meteora zieht sich, weil wir LKWs vor uns haben und Überholen auf der kurvigen Strecke fast unmöglich ist. Abends essen wir am Campingplatz mit Blick auf die sonnenbeschienen Meteora Felsen. Das ist aber die letzte Gelegenheit sie zu sehen, denn ab jetzt ist schlechtes Wetter vorhergesagt.

Bei der Anfahrt scheint noch die Sonne

Am 7.10. fahren wir bei strömendem Regen mit dem Bus los, um die Klöster zu besichtigen. Anfänglich gibt es noch ein bisschen Aussicht, dann regnet es nicht nur, sondern ist auch noch nebelig. Schade, dass die Reise so zu Ende geht und wir den krönenden Abschluss verpassen. Andererseits sind die Klöster im Nebel auch etwas Besonderes! Wir besichtigen Agios Stephanos und das Kloster Metamorphosis. Es ist mehr los als gedacht, Studiosus ist heute auch da und man mag sich nicht vorstellen, wie es hier in der Hauptsaison und ohne COVID zugehen mag.

Kloster bekannt durch den James Bond FIlm “In tödlicher Mission”
Der Turm war Endstation des Aufzugs, bevor die Treppe gebaut wurde
Dies war der “Fahrstuhl” der Mönche.
Für eine Fahrt wurde etwa 30 min gedreht

Am Nachmittag folgt das Abschiedsessen und damit ist die Balkan Reise mit Abenteuer Osten vorbei und wir sind auf uns gestellt. Es war eine sehr schöne Reise und wäre für uns privat in dieser Form nur mit großem planerischem Aufwand durchführbar gewesen.

5 Gedanken zu „Durch Nordmazedonien und Albanien nach Griechenland

  1. Toller Bericht und schöne Bilder.
    Wir wünschen euch weiterhin viele schöne Eindrücke und Erlebnisse.
    Viele liebe Grüße
    Elisabeth und Thomas

  2. An amazing adventure! We love your photos. Be safe in your travels.
    Eine tolle Reise die Ihr da macht. Viel Glück auf der Rückreise

  3. Ihr habt eine erlebnisreiche Reise mit vielen Höhepunkten erlebt. Es hat Spaß bereitet, euer passiver Erlebnisgenosse gewesen zu sein. Ich wünsche euch eine gute Heimfahrt.
    Viele Grüße Gerd

    1. Danke! Glücklicherweise müssen wir uns ja noch nicht auf den Heimweg machen (siehe Routenverlauf der Reise). Wir haben noch so einige Ziel in Griechenland vor uns bevor wir uns wieder auf den Weg nach Norden begeben müssen. Das Schlechtwetter ist morgen erst mal vorbei und wir wollen noch ein paar Sonnenstunden tanken.

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